Ein Fremder im eigenen Land

Als ich im Dezember nach Deutschland zurückgekehrt bin, wollte ich eigentlich nur ein oder zwei Monate in der alten Heimat bleiben. Am Ende sind dann doch wieder fünf daraus geworden, bevor ich den Absprung ins diesmal nicht ganz so ferne Ausland geschafft habe. Ich hatte also eigentlich ausreichend Zeit, um mich wieder einzuleben, aber in manchen Dingen hat das dann doch nicht so ganz geklappt.

Direkt vor meiner Rückkehr nach Deutschland war ich ja bekanntlich noch einen Monat in Neuseeland und nach fast anderthalb Jahren ohne Unterbrechung in Australien waren es die kleinen Dinge, die eine Umstellung darstellten. Es gibt eine andere Währung, andere Münzen, und somit habe ich beim Bezahlen immer etwas gebraucht. Aber dort war es ja einfach: man muss sich nur schnell als Tourist outen, und schon hat jeder Verständnis, wenn man verzweifelt durch die Münzberge kramt auf der Suche nach dem Zehn-Cent-Stück.

Dass ich die gleichen Probleme mit den elenden Euro-Münzen haben würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber nach so langer Zeit war mir die Währung fremd und selbst das Kaufen eines Brötchens wurde zur Herausforderung. Und im Gegensatz zu Neuseeland konnte ich in Deutschland ja schlecht sagen: „Sorry, ich bin neu hier.“ So viel missverstandener Patriotismus muss dann doch noch sein.

Mich wieder an deutsche bzw. europäische Münzen – Scheinen sind ja immer viel einfacher – zu gewöhnen hat einige Wochen gedauert. Andere Dinge haben etwas länger gebraucht. Zum Beispiel das instinktive Englisch-Sprechen, wenn es nur um Kleinigkeiten geht. Ich habe auch in Australien immer viel Deutsch gesprochen, und „richtige“ Gespräche stellen in beiden Sprachen kein Problem da. Aber die Begrüßungsfloskeln, die man im Vorbeigehen an jemanden richtet, die Frage nach dem Preis in einem Laden, oder auch einfach nur die Frage nach der Uhrzeit – bei diesen Dingen wechselte ich immer unbewusst wieder ins Englische, was vor allem an deutschen Supermarktkassen für mehr als Befremdlichkeit sorgt.

Aber auch diese Eigenart habe ich irgendwann wieder abgelegt. Und so fühlte ich mich spätestens nach drei bis vier Monaten schon wieder nahezu heimisch. Die Kultur, die Menschen, sind so unterschiedlich nicht, dass man sich nicht schnell wieder umgewöhnen würde. Aber eine Sache, die ich aus Australien mitgebracht habe, hat mich in den fünf Monaten nie verlassen und immer dafür gesorgt, dass ich mich ein wenig fremd gefühlt habe.

Jedes Kind in Deutschland lernt spätestens im Kindergarten, dass es vor dem Überqueren der Straße zuerst nach links, dann nach rechts, und dann noch einmal nach links gucken soll. Es ist also felsenfest in uns allen verankert. Seit deutlich mehr als zwanzig Jahren war dieses Sicherstellen der sicheren Straßenüberquerung unterbewusst so eingeprägt, dass ich nie darüber nachgedacht oder es hinterfragt habe. Es war ein Automatismus der allerbesten Sorte. Bis ich nach Australien kam.

Denn dort fährt man ja bekanntlich auf der linken Straßenseite. (Übrigens ebenso wie in Singapur und Neuseeland, den anderen Stationen meiner Reise.) Und während die Umstellung beim Autofahren schnell und problemlos geht und man sich binnen einer halben Stunde an die Veränderung gewöhnt hat, ist das beim Überqueren der Straße noch mal etwas Anderes. Hier habe ich viele, viele Monate gebraucht, bis ich mich daran gewöhnt habe, zuerst nach rechts zu gucken. So richtig tief eingegraben hat sich dies eigentlich erst in den letzten Monaten meiner zwei Jahre im Linksverkehr. Ich hätte also niemals damit gerechnet, dass ich mich in fünf Monaten in Deutschland nicht wieder daran gewöhnen würde, in die richtige Richtung zu gucken. Am Ende habe ich einfach aufgegeben und immer in beide Richtungen geschaut, selbst wenn ich schon auf der Verkehrsinsel in der Mitte der Straße stand. Und deswegen konnte ich das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein, nie ganz ablegen.

Vielleicht ist das auch die einzige Erklärung dafür, dass ich jetzt nach London gezogen bin, die man braucht. Denn hier fahren sie ja auch auf der falschen Seite der Straße. Und ich gucke immer noch in beide Richtungen.

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2 Responses to “Ein Fremder im eigenen Land”

  1. ine sagt:

    wahrscheinlich ist es auch eine Art Überlebensstrategie in beide Richtungen zu schauen…

  2. Auf jeden Fall besser als in keine…

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