Allein unter Aboriginies

Wenn man einen Reisebericht liest, erwartet man, dass dieser weitestgehend chronologisch die Orte, Erlebnisse und Ereignisse auflistet. Gelegentlich gibt es natürlich Handlungsstränge, die mehr oder weniger parallel zur Hauptgeschichte verlaufen und die man dann gut als Anekdoten verpackt an geeigneter Stelle eingestreut genießen kann. Und auch beim Schreiben ist es sinnvoll, chronologisch vorzugehen. Allerdings besteht dann auch das Problem, dass man plötzlich über Sachen schreibt, die Wochen her sind, während man die aktuelleren, viel präsenteren Ereignisse nicht verarbeiten kann. Und vor diesem Problem stehe ich gerade. Chronologisch müsste ich jetzt von meiner Reise rund um Alice Springs mit Mona, Tae und Lok berichten. Und dies wäre eine interessante Geschichte, garniert mit vielen Fotos. Aber das ist eben Wochen her, ich sitze gerade am Strand, der Strom geht mir aus, und ich würde viel lieber über aktuellere Sachen schreiben. Weswegen ich das auch einfach mache und die letzten sechs Wochen nur im Schnelldurchlauf wiedergebe, mit der Hoffnung später noch Zeit für die ausführlichen Berichte, die ich geplant hatte, zu haben.

Also: nachdem ich in Alice sechs Tage krank im Bett lag, sind wir dann zu viert aufgebrochen um für fünf Tage rund um Alice die Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Uluru, Kata Tjuta, Kings Canyon kannte ich ja schon, aber die West MacDonnell Ranges waren auch für mich traumhaft schönes Neuland.

Dann noch einmal zwei Tage in Alice um neue Reisegefährten zu finden und dann sind wir zu sechst – fünf Deutsche und ein einsamer Franzose – nach Darwin aufgebrochen. Unterwegs viel Tolles und Neues gesehen, von den Devils Marbles über Kathrine Gorge bis hinein in den gigantischen Kakadu National Park.

In Darwin war ich dann ungefähr zehnmal so lange wie geplant und gehofft und habe mit Mona und auf Mona gewartet, dass sie ihr Auto verkauft bekommt und wir dann gemeinsam an die Westküste fahren können. Das haben wir dann nach siebzehn Tagen endlich in Angriff nehmen können und sind jetzt durch den Litchfield National Park in die Kimberley Region und entlang der legendären, aber längst harmlosen, Gibb River Road gefahren. Auch darüber gibt es schon wieder etliches zu berichten, aber wir steigen jetzt wirklich endlich in der Mitte und vor gut drei Tagen ein.

Denn von der Gibb River Road führen unendlich viele Tracks ab, wo es dann meist auch am Ende etwas zu sehen gibt. Viele sind auf privatem Land und man muss um Erlaubnis fragen, um diese nehmen zu dürfen, aber die Kalumburu Road ist da anders. Denn sie ist eine „richtige“ Straße, zumindest auf der Karte. Und diese muss man 160 Kilometer hochfahren, um zum Abzweig gen Mitchell Plateau und in den Mitchell River National Park zu kommen. Da wollte ich sehr gerne hin und auch wenn die Fahrt heftig war, hat es mir dort unglaublich gut gefallen. (Eine weitere Geschichte für einen anderen Tag.)

Wenn man aber schon mal so einen Umweg fährt, bietet es sich ja auch an, zu gucken was man dort sonst noch so machen kann. Und die Kalumburu Road führt eben nach Kalumburu, in eine Aboriginal Community. Ich wäre wohl nie auf die Idee gekommen, dorthin zu fahren, sondern hätte mich von dem Hinweis auf der Karte, dass man dafür eine Erlaubnis des Departments for Indigenous Affairs braucht, abschrecken lassen. Aber Mona ist glücklicherweise aus anderem Holz geschnitzt und so habe ich also von der Drysdale River Station, etwa 60 Kilometer entlang der Straße, wo wir gerade einen Reifen hatten flicken lassen (ja, das gehört auch dazu), dort angerufen und ohne Probleme die benötigte „Permit“ bekommen. Die nette Dame am Telefon hat mich noch darauf hingewiesen, dass wir uns in dem Ort am General Store melden müssten, um eventuell noch eine weitere, von der Community vergebene Erlaubnis zu kaufen, und dass wir dort auch erfahren würden, falls es irgendwelche Probleme gibt. Wobei sie auch versicherte, dass sie dort Touristen gewohnt und sehr freundlich seien.

Die Fahrt vom Mitchell River National Park nach Kalumburu war eine einzige Qual. Es war zwar offiziell kein reiner 4WD-Track, sondern eine ganz normale „gravel road“, aber so langsam bin ich selten vorangekommen. Für die insgesamt 250 Kilometer haben wir fünf Stunden gebraucht und jede Sekunde musste ich hochkonzentriert sein um auch nur ja keinen spitzen Stein oder kein zu tiefes Loch zu übersehen. Spaß ist etwas anderes. Als wir dann in Kalumburu angekommen sind war ich zunächst einfach nur dankbar, wenn auch etwas nervös, was uns denn nun erwartet.

Und der erste Eindruck war: eine Geisterstadt. Keine Menschenseele war zu sehen. Alle Häuser waren verrammelt. Gut, es war die Mittagshitze, aber etwas Leben hatten wir schon erwartet. Wobei wir nicht bedacht bzw. dem keine Bedeutung beigemessen hatten, dass es Sonntag war. Alles war geschlossen und auch wenn wir schließlich noch ein paar Leute auf der Straße gesehen haben sind wir doch lieber gleich weiter gefahren um an den Strand im Norden zu kommen, wo man laut Karte campen kann.

Monas Intuition folgend sind wir zum Honeymoon Beach gefahren und auf dem Weg dahin sind uns dann auch ein paar Autos mit Menschen europäischer Abstammung entgegengekommen – wir waren also nicht ganz allein unter Aboriginies.

Der Campingplatz wird allerdings von den Ureinwohnern betrieben und wir hatten großes Glück, dass die Frau, die uns begrüßt und unser Geld entgegen genommen hat, sehr nett und hilfsbereit war, so dass wir direkt ein paar Sachen lernen konnten. Wie die, beim Schwimmen aufzupassen, da es hier auch Krokodile geben kann. Weiter als bis zu den Knöcheln waren wir also nicht im Meer.

Wir haben direkt am Strand unser Camp aufgeschlagen und erstmal die traumhafte Aussicht, die Meeresluft und die unerbittliche brennende Sonne genossen. Wir sind am Strand und ein bisschen an der Bucht entlanggelaufen und haben abends mit dem Psychologieprofessor Peter aus Perth an dessen Lagerfeuer gesessen und Reise- und Lebensgeschichten ausgetauscht.

Und heute sind wir dann zurück nach Kalumburu gefahren um etwas von der Community zu sehen. Peter hatte uns schon die wirklich beeindruckende Toursiten-Broschüre gezeigt und auch erklärt, dass Kalumburu die einzige Aboriginie Community war, die sich nach der Landrückgabe durch Staat und Kirchen dazu entschieden hat, die katholische Mission weiter zu behalten und ihr in gewisser Weise zu folgen. Was dann auch meine Überraschung vom Vortag, als ich die bestens gepflegten Gebäude der Mission zuerst gesehen habe, etwas minderte.

Die Erlaubnis zu bekommen, hierher zu fahren war kostenlos. Die Erlaubnis der Community, hier bleiben und sich die Gegend anschauen zu dürfen, kostete dann 50 Dollar. Ganz schön happig, wenn man auch noch bedenkt, dass das Campen mit 30 Dollar pro Nacht auch nicht ganz günstig ist, aber dies ist Geld, das ich gerne investiere. Denn irgendwie ist es schon toll, mal so fernab der üblichen touristischen Pfade zu wandeln, so ganz andere Sachen zu sehen und zu erleben. Die Gibb River Road ist generell schon der erste Ort, an dem ich war, wo man nicht ständig andere Backpacker trifft, aber hier oben hat man das Gefühl, der allererste überhaupt zu sein. (Auch wenn das natürlich eine Illusion ist.)

Es ist alles ein wenig komisch hier. Die Gegend, die Leute, die Community und dieses ganze Leben. Vieles verstehe ich gar nicht und andere Dinge verstehe ich sicherlich auch falsch. Die Leute hier sind durch die Bank sehr freundlich, aber irgendwie wirken sie auch abweisend und auch wenn man dazu eingeladen ist, ist es schwierig mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Meine Vermutung, dass hier nur Aboriginies leben war völlig falsch. Ob nun im Community Centre, in einem der beiden Shops, im Art Centre oder bei der Mission – überall arbeiten nur Weiße. Es scheint fast so, als ob die Aboriginies an dieser Sorte Job gar kein Interesse hätten. Bei der Polizei und den Krankenschwestern sieht es sicherlich ähnlich aus.

Vielleicht hängt es aber auch damit zusammen, dass selbst hier die Arbeitgeber die Ureinwohner nur ungern einstellen, weil sie mit der westlichen Vorstellung vom Leben so wenig anfangen können. Einfach mal für ein paar Monate zu verschwinden ohne dem Arbeitgeber Bescheid zu sagen ist wohl keine Seltenheit. Aber wie dem auch sei, es wirkt so und ist sicherlich auch nicht falsch, dass zumindest diese Community der Aboriginies eigentlich von Europäern geleitet wird.

Im Mission Store hängt ein Schild mit dem Foto eines Geldscheins, wo ein größeres Stück abgerissen ist und dem Hinweis, dass sie solches Geld nicht akzeptieren würden, da die Bank es auch nicht nimmt. Mal ganz abgesehen davon, wie das in Deutschland oder Europa wäre (ja, dort wäre es noch legales Zahlungsmittel und die Annahme dürfte nicht verweigert werden), zeigt dies doch ganz gut, wie schwer sich viele der Ureinwohner damit tun, die westliche Kultur anzunehmen. Nach bestimmt 35.000 Jahren ohne Veränderungen ist das sicher auch keine Überraschung.

Ansonsten ist vieles aber auch gleich wie in anderen Outback Towns. Es gibt genau die gleichen, völlig überteuerten Sachen im Laden zu kaufen. (Wobei die Preise, da alles eingeflogen werden muss, sicherlich auch gerechtfertigt sind.) Bei den Benzinpreisen träumt man von 3-Liter-Autos. $3,10 kostet der Liter hier – in Melbourne war ich $1,20 gewohnt und selbst am Uluru kommt man mit $2,20 aus. Es ist warm und stickig und so nett die Einheimischen auch sein mögen, man fühlt sich irgendwie fehl am Platze.

Wir waren dann noch im Kalumburu Museum, was von der Mission geführt wird und dementsprechend ist auch der Fokus. Wobei der Freiwillige, der eigentlich hier ist um das Youth Centre zu leiten, uns netterweise den Eintritt erlassen und auch ein paar Sachen erklärt hat. So gibt es eine Übersicht über das Leben der Aboriginies vor dem Eintreffen der Europäer, dann etwas über die ersten Jahre der Mission, die seit 1903 besteht und von Benediktinern zunächst nördlich am Strand erbaut wurde, weiterhin Informationen über die Kriegsjahre, in denen die Mission auch den Bomben der Japaner zum Opfer fiel, und schließlich noch ein Sammelsurium an Sachen aus aller Welt, dass dazu dienen soll die Kultur der Aboriginies mit dem Rest der Welt zu vergleichen und ihr dort auch einen Platz einzuräumen. Das alles ist sehr nett gemacht und man kann problemlos eine Stunde damit zubringen, sich alles nur kurz anzugucken und Fotos zu machen, was dort erlaubt ist. Für den Rest des Ortes muss man erst um Erlaubnis fragen und gerade wenn man die Menschen fotografieren will, muss man diese immer vorher fragen.

Mittags zwischen 12 und 14 Uhr ist alles im Ort geschlossen und das Leben kommt wieder zum Erliegen – was angesichts der Temperaturen auch nur natürlich ist. Als wir dann draußen vor dem Mission Café unser Mittagessen (das letzte, nicht mehr ganz frische Brot aus Kununurra; Tomaten, Avocado und Marmelade aus dem sündhaft teuren Laden) genossen haben, sind wir von zwei Aboriginies angesprochen wurden. Der erste hat uns nur gefragt, ob wir Kunst kaufen wollten, und ist nach unserem Verneinen direkt wieder verschwunden. Der zweite hat erstmal den Müll, der rumlag, eingesammelt und uns dann ungefähr eine halbe Stunde lang zugetextet. Leider war er sehr schwierig zu verstehen und wollte eigentlich nur über drei Themen reden: Footy, Bruce Lee Filme und seine Freundin, die entweder in Kununurra, Derby oder Broome lebt. Ich wäre ja eigentlich froh gewesen, eine Gelegenheit zu haben mal wirklich mit einem Ureinwohner zu sprechen und zu hören, wie diese so leben und was sie so zu sagen haben, aber dies war eher schwierig und enttäuschend in der Hinsicht. 35.000 Jahre Kultur, weggespült vom westlichen Macho-Gehabe.

Erschöpft von der Hitze und den vielen Eindrücken – wir haben auch noch kurz im Art Centre angehalten und dort die Bilder, die so zwischen 140 und 2000 Dollar kosten, angeschaut – sind wir dann zurück zum Honeymoon Beach gefahren und jetzt sitzen wir beide hier und schreiben unsere Eindrücke auf. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich froh bin, hierher gefahren zu sein (vorausgesetzt, meine Reifen überleben auch noch die Rückfahrt, was ich jetzt noch nicht weiß, aber wenn dies online geht schon), auch wenn ich immer noch nicht weiß, was ich von der Kultur der Aboriginies und den vielen Problemen, vor denen die Ureinwohner dieses Landes hier stehen, denken soll.

Kalumburu ist eine „dry community“, das heißt Alkohol ist grundsätzlich komplett verboten und darf von Besuchern auch nicht für den eigenen Verbrauch mitgebracht werden. Wenn man sich die betrunkenen Aboriginies in Alice Springs oder anderen Städten ansieht ist das sicherlich auch sinnvoll, wenn natürlich auch eine Bevormundung die ich immer kritisch finde. Gleichzeitig haben wir aber auch von Peter gehört, dass an dem anderen Campingplatz hier an den Stränden der Betreiber einen Kühlschrank voller Bier hat und dort auch Aboriginies den ganzen Tag rumsitzen und trinken. Und unser Gesprächspartner zum Mittagessen hat uns auch gefragt, ob wir Alkohol trinken würden und welchen dabei hätten und hat dann auf Nachfrage erklärt, er würde zwar nicht trinken, aber wenn er außerhalb sei immer Alkohol für seine Brüder und andere Verwandte mitbringen.

Ich habe keine Ahnung, wie repräsentativ Kalumburu für die Aboriginies in anderen Communitys oder auch in den westlich geprägten Städten Australiens ist. Aber mir scheint es doch so, als ob dies ganz gut zeigt, dass eigentlich keiner so recht weiß, was man machen soll, um den Aboriginies ein normales Leben zu ermöglichen. Es dürfte unmöglich sein, dass sie noch Orte finden, an denen sie wie vor dem Eintreffen der Europäer leben können, aber sie tun sich halt auch verständlicherweise sehr schwer damit, sich ganz an die westliche Kultur anzupassen und in diese einzufinden. Hier einen gesunden Mittelweg zu finden scheint leider nicht zu gelingen. Lösungsvorschläge hätte ich allerdings auch nicht, auch wenn ich jetzt einen ersten Einblick in die Situation gewonnen habe.

Tags: , , , , , , ,

One Response to “Allein unter Aboriginies”

  1. lanbona pobre bobo jajajajajjajajjajajajjajjjajjajajjajajjajajjajjajjajjajjajajjajajjajjjajajajjajjajajjajjajajjajajjajjjjajjajjajajjajjhjajajjaj

Leave a Reply