Postapokalyptische Abenteuer in Coober Pedy

Der Aufbruch in Adelaide verzögerte sich natürlich. Das ist ja immer so. Man will um 8 Uhr morgens losfahren, um möglichst weit zu kommen, aber mit sechs Leuten fallen auch fünf noch Dinge ein, die noch ganz schnell gemacht werden müssen. (Ich war natürlich abfahrbereit.) Aber wenn die Sonne schon gegen 17 Uhr hinter dem Horizont verschwindet und man campt, ist ein frühes Losfahren eigentlich unabdingbar. Oder man nimmt halt in Kauf, unterwegs nicht so viel zu sehen, wie eigentlich geplant. Wie an diesem ersten Tag, an dem wir außer dem wahrlich nicht sehenswerten Stadtzentrum von Port Augusta eigentlich nur gefahren sind. Rosie und Nikki mit mir in Serenity, Lok and Tae mit Mona in ihrem namenslosen, älteren Namensvetter meines Autos.

Am zweiten Tag kamen wir auch nicht ganz so früh los wie geplant. Der schwer zu findende, kostenlose Rest Stop war zwar wahrlich nicht schön und auch verdammt nah am Highway, aber bei Eiseskälte kriecht man dann auch nicht gerne mit Sonnenaufgang aus den Federn. Meine Füße waren steif gefroren und ich schwor mir, ab dem nächsten Tag mit dicken Wollsocken zu schlafen. Eine grandiose Idee, auch wenn es wahrscheinlich noch besser gewesen wäre, meinen kurzen Schlafanzug mit weiteren Accessories außer den Socken und meinem treuen Melbourne-Schal zu kombinieren.

Auf dem Weg nach Coober Pedy, der Opal-Minen-Hauptstadt der Welt, haben wir am Lake Hart Station gemacht. Dieser große Salz-See sah sehr einladend aus und wir haben dort so viel Zeit zugebracht – auch ohne zu schwimmen oder wenigstens sonnenzubaden, dass wir erst nach Einbruch der Dunkelheit in Coober Pedy eingetroffen sind. Dort hatte Mona für uns organisiert, bei Jürgen, einem vor Jahrzehnten ausgewandertem deutschem Ingenieur, unterkommen zu können. Mona war einige Wochen zuvor schon einmal in der Stadt und ungeplant recht lange dort, da sie auf Ersatzteile für ihr Auto warten musste. Ich habe Serenity direkt deutlich gemacht, dass sie solche Spielchen bitte unterlassen sollte.

Coober Pedy ist eine Stadt der Extreme. Im Sommer wird es häufig 45° warm, im Winter kann es nachts frieren. Die sowieso schon trockene Wüstenluft wird durch die Minenarbeit in der gesamten Umgebung nicht gerade weniger staubig. Ganz im Gegenteil. Egal wo man ist und was man macht, nach spätestens einem Tag in der Stadt ist alles eingestaubt, egal wie gut verpackt es eigentlich ist.

Um unter diesen Bedingungen leben zu können, haben die Bergleute schon vor mehr als hundert Jahren eine ideale Lösung gefunden: sie wohnen einfach in den Minen. Heute werden diese dann als „dugouts“ bezeichnet und viele Einwohner graben sie sich in einen Hügel, obwohl dort nie Opal gefunden wurde. Denn unter der Erde bzw. dem Sandstein sind es das ganze Jahr angenehme 22°.

Dies zu sehen, darauf habe ich mich schon lange gefreut. Und dann noch durch Mona die Möglichkeit zu bekommen, nicht irgendwo in einem (überirdischen) Hostel zu wohnen, sondern in einem Dugout zu schlafen, war einfach nur grandios. Beim Betreten von Jürgens „Wohnung“ habe ich eine nahezu kindliche Freude empfunden und alles direkt mit Begeisterung angeguckt, begutachtet, nachgefragt und ganz viel gelernt. Besonders toll – wenn auch staubig – war die Tatsache, dass Jürgen wirklich postapokalyptisch lebt und außerdem gerade dabei ist, seine Wohnung von vier auf 22 Zimmer auszubauen. Was in diesem Fall heißt, dass er mit einer Tunnelmaschine ganz viel gräbt und deswegen auch bis Ende September nicht in seiner privaten Mine nach den kostbaren Steinchen suchen wird.

Der Eingang zu Jürgens Haus ist sogar bepflanzt, wie hier zu sehen:

Wenn man reinkommt, steht man dann im Wohnzimmer, das aber auch Küche (noch ohne fließendes Wasser) und Esszimmer ist:

Wie es drinnen eigentlich aussieht, und dass man wirklich unter der Erde lebt, zeigt vielleicht dieser Blick ins Schlafzimmer:

Natürlich sind nicht alle Dugouts so rudimentär. Viele sind leicht mit „normalen“ Unterkünften zu verwechseln. Aber Aussteiger wie Jürgen leben natürlich eher so. Er gräbt sein Haus neben dem von seinem Freund John, bei dem er vorher gewohnt hat. Johns Dugout ist seit langer Zeit komplett – sieht aber auch genauso staubig und unfertig aus. Wobei es immer noch besser ist, wenn man nicht gerade nebenan weitere Räume gräbt. Die Maschine einmal von hinten:

Weiter ist Jürgen am Tag unserer Ankunft nicht gekommen, deswegen ist der Durchbruch in den neu gegrabenen Raum auch noch nicht fertig:

Der Stein (und Staub), den die Maschine weggräbt, kann man natürlich nicht einfach hinter ihr liegen lassen. Stattdessen wird dieser durch dicke Rohre zum „Blower“ gebracht. Der Blower ist eigentlich ein riesiger Staubsauger, der den Dreck nach draußen saugt. Und weil die Leute in Coober Pedy alles selber machen, und auch den Großteil des Equipments selber entwickelt und hergestellt haben, sind diese Blower uralte, nicht mehr straßentaugliche, umgebaute Trucks. Jürgens sieht so aus:

Ich bin mir nicht sicher, welche Farbe der Truck eigentlich hat – es ist jedenfalls nicht das grau, was nur eine dicke Staubschicht ist.

Bei Jürgen unterzukommen war also eine tolle Erfahrung, auch wenn ich noch nie an einem so schmutzigen Ort geschlafen habe.

Abends dann im Dugout bei Kerzenlicht zu sitzen, Pizza zu essen, Bier zu trinken und die Ruhe der Wüste zu hören – dabei kann man wirklich vergessen, dass die Welt dort draußen nicht in der Apokalypse untergegangen ist.

Am nächsten Tag haben wir dann das volle Touristenprogramm gemacht. Wir waren in der Old Timer’s Mine und haben dort gesehen, wie der Abbau von Opal am Anfang des letzten Jahrhunderts vor sich ging. Dann waren wir noch im besten Hotel der Stadt – das natürlich auch unterirdisch gebaut ist. Der Besitzer war sehr nett, hat uns überall rumlaufen lassen, und auch ganz viel gezeigt. Wie den Frühstucksraum:

Oder auch die Zimmer. Der Unterschied zu Jürgens Dugout ist leicht zu erkennen.

Wobei ich ganz ehrlich sagen muss, dass mir das staubige Zuhause des deutschen Bären, der mit seinem Heimatland, seinen Freunden und seiner Familie komplett abgeschlossen hat, deutlich lieber war. Es war irgendwie authentischer und mehr das, was ich mir vorgestellt hatte. Der Besitzer des Hotels hat uns dann noch gezeigt, dass sie beim Bau, also beim Graben, auch „opalised fossils“, also Fossilien, um die sich der Opal gebildet hat, gefunden haben.

Leider hatte er sich zu diesem Zeitpunkt schon als verrückter, fundamentaler Christ herausgestellt – ich war sehr an Ian erinnert – so dass wir eigentlich nur noch dort weg wollten, auch wenn die Engländerin Nikki immer noch blöde Nachfragen gestellt hat, um den „Revival Fellowship“ mit der englischen, katholischen Kirche zu vergleichen.

Im Anschluss waren wir dann im „Underground Café“ zum Mittagessen und sind dann zu Monas anderer Bekannten Teresa gefahren. Diese ist die Frau des Vorsitzenden der Stadtverwaltung, erst seit kurzem dort, und wohnt natürlich auch in einem Dugout – der allerdings auch wieder anders aussieht:

 

Die beiden Engländerinnen in meinem Auto waren zu diesem Zeitpunkt schon extrem unzufrieden, da sie keinerlei Interesse an der Stadt, der Geschichte, den Dugouts oder sonst irgendetwas hatten. Als sie dann allerdings von Teresa mit Wein versorgt wurden, waren sie glücklich. Manche Leute…

Ich hingegen wollte dort nur möglichst schnell weg, da ich unbedingt noch zu „Crocodile Harry“ fahren wollte. Der ist zwar vor einigen Jahren gestorben, aber sein Dugout, der mit Abstand größte in der Stadt, ist eine Art Museum. Ein repräsentatives Foto:

Aber deswegen wollte ich nicht dort hin. Denn in Harrys Nest wurden auch schon ganz viele Filme gedreht. Zum Beispiel Mad Max Beyond Thunderdome oder Priscilla, Queen of the Desert. Und Wim Wenders hat sein Bis ans Ende der Welt auch teilweise in Coober Pedy gedreht und auch wenn mir niemand sagen konnte, ob es auch dort war, bin ich nahezu sicher, dass dieses Exterior eines Dugouts in dem Film verwendet wurde:

Ich war auf jeden Fall sehr froh, dies noch gesehen zu haben, auch wenn es schon wieder dunkel wurde. Ich habe dort hunderte von Fotos gemacht und den wirklich gigantischen Dugout sehr bewundert. Meine Karriere als professioneller Skateboarder hat allerdings dort auch ein jähes Ende gefunden.

Im Anschluss waren wir dann noch im Desert Cave Hotel, wo es auch eine Art kostenloses Museum gibt und man etwas über die Geologie der Gegend und den heutigen Opal-Abbau lernen kann. Da es leider nicht geklappt hat, in eine der privaten Minen reinzukommen, war dies der beste Ersatz und auch sehr interessant – zumindest für die Hälfte unserer Gruppe, denn nur Lok und Mona waren mit mir dort.

Am nächsten Tag sind wir dann zu den Breakaways gefahren, Felsen die in dieser ansonsten sehr flachen Landschaft (abgesehen von den Bergen Gestein, welche die Minen angeschüttet haben), deutlich herausstechen und auch sehr schön sind. Auf dem Weg dahin, sind wir am Dingo Fence vorbeikommen, einem tausende Kilometer langen Zaun, der dazu dient, die Dingos aus den Kuh- und Schafgebieten des australischen Südens herauszuhalten. Ein Foto kann nur sehr bedingt wiedergeben, wie es ist, diesen Zaun sich bis zum Horizont erstrecken zu sehen:

 

Von den Breakaways selber sind die zwei Hunde, die von den weißen Einwanderern in Salz und Pfeffer umgetauft wurden, die bekanntesten:

Schon auf dem Weg zu den Breakaways ging ein neues Abenteuer los, denn vom Highway und anderen geteerten Straßen ging es erstmals auf die unbefestigten Straßen des Outbacks. Es war allerdings zunächst noch nicht nötig, den Allrad-Antrieb einzuschalten, auch wenn die Straßen nicht gerade in toller Verfassung waren. Erst als wir dann zur Painted Desert abgebogen sind, wurde es etwas mühsamer und ich durfte meine 4WD-Künste unter Beweis stellen – natürlich immer noch in abgeschwächter Form, wie ich heute weiß.

Leider ist es uns nicht gelungen, in der Painted Desert Gegend einen Platz zum Campen einfach abseits der Straße zu finden. Stattdessen waren wir auf einem Camping-Platz bei einer Farm und sind dann am nächsten Morgen noch mal ein Stück zurückgefahren, um noch ein Stück zu einem Lookout zu wandern, bevor wir uns wieder auf den Weg zum Stuart Highway, der Adelaide und Darwin verbindet, gemacht haben.

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