Auszeit

Seit einer Woche bin ich nun offiziell arbeitslos. Beide Jobs bin ich los. Die Nachtschicht los zu sein trifft mich nicht hart, auch wenn der Abschied vom Melbourne Metro YHA und meinen Kollegen schwer fällt. Um meinen “Blog-Job” tut es mir schon mehr leid, aber die sechs Monate, die ich maximal für einen Arbeitgeber arbeiten kann, sind vorbei und damit werde ich wohl bis zum Ende meines Australienaufenthalts kein Einkommen mehr haben. Was auf einmal in den letzten Wochen ganz schön bedrohlich klang und bei mir nicht gerade für Begeisterung sorgte. Dann kamen noch ein paar andere Sorgen hinzu und plötzlich fühlte ich mich mal wieder völlig überfordert. Meine Lösung? Zeit für eine Pause, eine Auszeit.

Die sollte letzte Woche in Echuca schon erfolgen, aber irgendwie hat das nicht so ganz geklappt. Die drei Tage mit Kritin fernab der großen Stadt waren zwar ganz nett, aber irgendwie war Echuca einfach nicht der richtige Ort. Wenn man 65 ist, ist der Ort sicherlich ein lohnendes Naherholungsziel, aber irgendwie fühlte ich mich trotz aller Müdigkeit und Abgekämpftheit dann doch noch nicht ganz bereit für diese Art der Ablenkung. Vielleicht war es aber auch einfach nur alles noch ein wenig zu nah und mein Kopf noch zu sehr in Melbourne, um die wichtigen Entscheidungen – also ganz besonders die Frage, ob ich denn nun wie geplant mit Serenity gen Westen fahre – unvoreingenommen zu fällen.

Jedenfalls bin ich nach drei Tagen nach Melbourne zurückgekommen und hatte überhaupt keine Lust mehr aufs Reisen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als ein ganz normales Leben. Arbeit, Wohnung, Freunde. Keine großen Ansprüche, aber für den jetzigen Zeitpunkt auch nicht gerade die richtigen.

Es hat mich allerdings dazu bewogen, meine ganzen Pläne zu überdenken und mich spontan für einen Job in Sydney zu bewerben. Sydney, das ich ja nun gar nicht mag und wo ich eigentlich ganz sicher nicht meine letzten drei Monate in Australien verbringen wollte. Wie gut also, dass es ganz danach aussieht, als würde ich den Job nicht bekommen.

Montagmorgen habe ich dann alles stehen und liegen gelassen und bin einfach von Melbourne aus in die Grampians gefahren. Meine Kolleginnen vom YHA Tanya und Erin vertreten im dortigen YHA die Manager für diese Woche und so wusste ich, dass ich dort nicht nur willkommen sei, sondern auch umsonst unterkommen würde – nach den gewaltigen Ausgaben für das Auto und den noch zu erwartenden Benzinkosten ein großer Anreiz!

Und schon auf der dreistündigen Fahrt hierher wurde mir klar, wie gut es war, für ein paar Tage alleine unterwegs zu sein und mal nicht nur eine Auszeit von der Arbeit und Melbourne zu haben, sondern auch von jeglichen sozialen Verpflichtungen. Ich konnte schon immer gut alleine sein und das hat mir in den letzten drei Monaten, als ich ja nicht nur im Hostel gearbeitet, sondern auch gelebt habe, wirklich gefehlt. Die Entspannung setzte sozusagen noch während der Fahrt ein.

Und intensivierte sich nach der Ankunft sofort. Die Grampians sind einfach traumhaft schön und auch wenn es jetzt im Winter kalt und grau ist, ist es trotzdem toll. Ich war gleich Montag noch drei Stunden wandern bzw. spazieren und gestern bin ich den ganzen Tag alleine unterwegs gewesen, dabei über 20 Kilometer gelaufen, und habe an den anderthalb Tagen auch noch gut 550 Fotos gemacht – ein paar an dieser Stelle in den nächsten Tagen.

Gerade der gestrige Tag war nicht nur ruhig und einsam und entspannend, sondern auch sehr förderlich. Zum Einen, weil die einmalige Landschaft in mir wieder ein wenig die Reiselust, die so völlig eingeschlafen war, geweckt hat. Und zum Anderen, weil das bisschen Abstand und Auszeit geholfen hat, die wichtigen Entscheidungen zu treffen.

Ich werde nächste Woche zu meiner großen, epischen Reise an die Westküste aufbrechen. Ich werde sicherlich noch jemanden zum Mitreisen finden, zumindest etappenweise. Es sei denn, ich höre doch noch aus Sydney, dann werfe ich alle Pläne über den Haufen und arbeite noch mal drei Monate, bevor ich plötzlich reich bis Weihnachten noch irgendwie durch die Weltgeschichte reise. Aber damit rechne ich nicht und dafür plane ich nicht, sondern alles wird auf die Westküste ausgerichtet, was ja sowieso der Plan war. Drei Monate reisen, dann noch mal zwei Wochen Melbourne, um Abschied zu nehmen, und dann… Aber gut, solange voraus kann man ja gar nicht planen.

Nach diesen Entscheidungen habe ich dann meine Einsamkeit aufgegeben und den Abend in netter Gesellschaft verbracht und heute war ich mit Tanya, Erin und Bec auch noch mal wandern. Ganz anders, als wenn man alleine unterwegs ist, aber in diesem Fall auch sehr schön. Unter anderem ist das Angebot einer Unterkunft in Adelaide dabei herausgesprungen. Und genau so soll das mit dem Reisen ja sein.

Jetzt werde ich morgen (Oder doch erst Freitag? Gar nicht so einfach, sich zu trennen von hier.) wieder nach Melbourne fahren und da noch ungefähr fünf Tage verbringen, in denen ich mich von allen Freunden verabschiede und noch einmal das Stadtleben aufsauge, bevor es gen Westen geht. Ich bin zwar nicht überzeugt davon, dass es die richtige Entscheidung ist, aber es ist auf jeden Fall keine ganz falsche. Auch wenn es mal wieder eine Abkehr von der Normalität ist.

 

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One Response to “Auszeit”

  1. christiane.Kirschbaum sagt:

    Lieber Christoph,
    schoen,dass Du immer mal wieder an mich denkst!vVelen Dank fuer die gestern erhaltene Karte,die ja ganz begeistert klang!!Wie ich lese,erlebst Du ja auch sonst viel und hast einige Plaene.
    Ich wuensche Dir, das alles nach Deinen Vorstellungen laueft und Du die letzten Monate in Australien noch geniesst!Dann hast du den Kontinent ja wohl in der Tasche!

    Alles Liebe aus Bruxelles

    Deine Christiane

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