Nachtschicht im Nichtschacht

Es ist zwanzig vor vier, also frühester Morgen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich der Meinung bin, dass der Titel dieses Beitrags lustig ist. In etwas mehr als drei Stunden ist meine Zeit als festangestellter Nachtportier vorbei. Es ist also meine letzte Nacht und es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Zum Glück erstmal nur von der nächtlichen Arbeit, denn bis ich Melbourne verlasse wird noch ein bisschen Zeit vergehen.

Als ich heute Nachmittag an die Rezeption kam und mit meinen Kollegen ein wenig plauderte, erzählte mir Tony, der nun neueste Rezeptionist, ganz glücklich, dass er letzte Nacht dreizehn Stunden geschlafen hat. Ich habe kurz darüber nachgedacht und dann festgestellt, dass das in etwa so viel ist, wie ich in den letzten drei Nächten insgesamt geschlafen habe. Irgendwie fand ich das lustig. Aber irgendwie auch nicht. Denn seit einigen Tagen laufe ich wie in Zombie durch die Gegend und kriege überhaupt nichts mehr mit. Schlafmangel setzt mir zweifelsfrei zu. Wie gut also, dass dies meine letzte Nachtschicht ist und ich ab morgen wieder ein “normales” Leben führen kann.

Nur halt mit der Einschränkung, dass ich ab nächster Woche keinen Job mehr habe, nicht weiß, wo ich nachts schlafen werde und tausend Dinge erledigen muss, die für die anstehende Reise noch gemacht werden müssen. Immerhin ist mein Auto jetzt komplett auf Vordermann gebracht und dieser Teil des Abenteuers ist schon mal vorbereitet. Aber ich brauche immer noch Mitreisende und muss mir wohl auch noch mal die ganze Sache mit der Strecke und dem Camping und so weiter gründlich überlegen.

Aber all das hat ein bisschen Zeit. Ich werde jetzt erstmal meine Arbeit hier abschließen und dann bis einschließlich Dienstag tränenreich Abschied feiern. Morgen mit Mark und Khy, Samstag bestimmt auch irgendwie. Sonntag werde ich mit Mark und Michael sowieso hoffentlich Doosh und Khy zu Wilsons Promontory fahren und dort dann das Auto erstmal offroad ausprobieren und außerdem mein Zelt das erste Mal aufbauen. (Sowas muss man nicht sicherheitshalber vorher schon mal ausprobieren, oder?) Dienstag gibt es dann die offizielle YHA-Abschiedsparty bzw. “staff drinks”. In bester australischer Manier natürlich um halb vier nachmittags.

Es wird ein schwerer Abschied. Die Trennung von der Nachtarbeit ist kein Problem, ganz im Gegenteil. Ich freue mich auf Tageslicht und normale Schlafzeiten und so weiter. Aber die Trennung von diesem Arbeitsplatz wird verdammt schwer. Es klingt absurd, aber die letzten drei Monate waren vielleicht die besten meiner Zeit in Australien. Nicht, weil ich besonders ungewöhnliche oder tolle Dinge erlebt habe. Sondern weil ich das erste Mal ein ganz normales Leben geführt habe. Mit festem Job, richtigem Alltag und unglaublich netten Kollegen, von denen viele zu Freunden geworden sind.

Der gestrige Tag war der vielleicht beschissenste meines Lebens. Alles ist schief gegangen. Meine Planung für die nächsten drei Wochen ist zusammengebrochen. Mein Auto war noch nicht repariert und die Reparatur ist deutlich teurer geworden. Mein Telefon hat den Geist aufgegeben. Aber all das war nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war, dass ich morgens aufgewacht bin und zum ersten Mal seit ich nach Australien gekommen bin, nicht mehr weg wollte. Mir war immer klar, dass ich irgendwann “nach Hause” zurückkomme. So schön und interessant mein Leben hier auch oftmals war, ich habe nie auch nur im Entferntesten daran gedacht, dauerhaft hier bleiben zu wollen. Bis eben gestern. Und das hat mich ganz schön aus der Bahn geworfen. Ich weiß, dass dies nur ein temporärer Zustand war. Ich weiß, dass es mit der Nostalgie für den Ist-Zustand zusammenhängt und mit der Sehnsucht nach diesem ganz normalen, geregelten Leben. Aber es war trotzdem ein Einschnitt und einer, den ich diesem Job und meinen Kollegen hier zu verdanken habe. Und das werde ich nie vergessen.

Der Tag wurde übrigens dann doch noch gerettet. Ich habe jemanden getroffen, die vielleicht mit mir reisen wird. Ich habe Speicherkarten für meine Kamera so günstig gefunden, dass ich direkt mehrere gekauft habe. Und ich war abends mit Amanda, der Texanerin, die mich während sie von Mitternacht bis 2 Uhr morgens putzt unterhält, in dem Restaurant, wo Doosh Pizza backt, essen. Seine Freude über mein bzw. unser Kommen allein hätte den Tag gerettet, aber es war auch sonst ein sehr schöner Abend. Und dank Mark hatte ich dann nachts auch Koffein-Tabletten zur Verfügung, die mich trotz Schlafmangel über Wasser gehalten haben.

Ich bin mir nicht so ganz sicher, wann ich den roten Faden dieser Erzählung verloren habe. Aber der Punkt ist dieser: nicht nur bin ich in zwei ein halb Stunden mit der Arbeit fertig, ich bin auch in einer sehr komischen und ungewohnten Situation. Die zudem auch noch völlig unerwartet kam. Sie überfordert mich – was tut das nicht – aber ich genieße sie trotzdem und sehe sie als wichtig an. Hinterher werde ich bestimmt wieder etwas gelernt und irgendwie einen Schritt nach vorne gemacht haben. Und auch wenn das alles nichts mit meiner letzten Nachtschicht zu tun hat, veröffentliche ich es jetzt. Denn ich bin viel zu übermüdet um mir klar zu machen, wie persönlich dieser Eintrag geraten ist.

 

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