Die längste Nacht

Ich habe ja schon häufiger erwähnt, dass mir bei der Arbeit (als Nachtportier im Hostel) ziemlich oft ziemlich langweilig ist. Es ist gerade absolute Nebensaison und es gibt Nächte, in denen von den 380 Betten noch nicht mal 100 belegt sind. Oft muss ich keinen einzigen Gast mehr einchecken. Manchmal verkaufe ich noch nicht mal eine Stunde Internetnutzung und muss das Geld in meiner Kasse nicht ein zweites Mal zählen. Das dritte Zählen (am Morgen) fällt sowieso immer flach.

Ich arbeite acht Stunden jede Nacht. Von 22:45 bis 7:15, mit einer halben Stunde “Mittagspause”, die ich natürlich auch bei der Arbeit verbringe – wo könnte man schon hingehen um diese Zeit? Ganz abgesehen davon, dass ich im Gebäude bleiben muss. Mit meinen Aufgaben bin ich meistens spätestens um 2 fertig und habe dann den Rest der Nacht Zeit, das zu machen, wozu ich gerade Lust habe. Und wofür ich wach genug bin. Habe dies sowohl konstruktiv – Neugestaltung der gesamten Arbeitsdokumentation – als auch eher sinnfrei – warum gucke ich nicht noch einmal firefly (die beste Fernsehserie aller Zeiten)? – genutzt.

All das war aber nichts gegen die letzte Nacht. Denn dort wurden (mal wieder) diverse Computer-Systeme aktualisiert und somit hatte ich bis 4:30 keinerlei Zugriff auf irgendetwas. Alles war schon von der Nachmittagsschicht vorbereitet worden und außer überall abzuschließen, aufzuräumen und die Küchenhandtücher zu waschen, hatte ich also genau gar nichts zu tun. Selbst mit Büchern (immer noch Gravity’s Rainbow) und Arbeit für meinen anderen Job (neuer Blog-Eintrag und Mail-Newsletter-Templates) war es dabei ganz besonders schwer, wach zu bleiben.

Das besondere daran war aber eigentlich, dass die wichtigste Aufgabe meines Night-Supervisors-Daseins darin besteht, den “night audit” durchzuführen. Damit wird der Tag im System abgeschlossen und der Neue begonnen. Dies ist angeblich die komplizierteste Geschichte in unserem völlig veralteten PMS (Property Management System, was dachtet Ihr denn???) und erfordert tatsächlich den Einsatz eines Taschenrechners, um auch ja sicherzustellen, dass alle Transaktionen richtig verbucht wurden im Laufe des Tages. Es ist aber auch, hautpsächlich, eine Fleißaufgabe an dessen Ende 50 Seiten Ausdrucke stehen, die archiviert werden und die nie wieder irgendjemand ansehen wird.

Normalerweise fange ich diesen Teil der Arbeit so gegen 1 an, wenn alle Leute eingecheckt haben und die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch irgendwelche Sachen verkaufe, praktisch gleich null ist. Manchmal wird es auch 2 und wenn ich ganz besonders müde bin und sichergehen will, dass ich mich auch entsprechend darauf konzentriere, fange ich auch schon mal etwas früher an. Gestern (bzw. heute morgen) konnte ich nun erst um 4:45 anfangen, nachdem die Computer wieder hochgefahren und ihre Funktionalität getestet war.

Der treusorgende Doosh – siehe unbedingt hier – hatte alles bestens vorbereitet, war für alle Eventualitäten gerüstet (so lagen zum Beispiel alle Gästelisten in dreifacher Ausfertigung vor mir, damit nur ja nichts schiefgehen konnte) und hatte auch versprochen, schon um viertel nach fünf, statt um sieben, zur Arbeit zu kommen, damit er bei Problemen sofort helfen könnte. Als er dann allerdings um diese Zeit auftauchte, war ich schon fertig. Alle Sachen abgerechnet, System auf den neuen Tag umgestellt, Ausdrucke sortiert und abgeheftet. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich schon ein wenig stolz auf mich war, wie problemlos und schnell ich das alles über die Bühne gebracht hatte.

Das hatte natürlich einen ganz besonders wichtigen Grund: ich wollte unbedingt das Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft im Live-Ticker verfolgen. Das 1:0 gegen die Holländer habe ich nur wenige Minuten verzögert mitbekommen. Ein gutes Gefühl. Auf jeden Fall entscheidend besser, als dann die letzten zwei Stunden meiner Arbeitszeit nicht alleine zu sein und auf einmal tatsächlich arbeiten zu müssen – Doosh hatte nämlich meine Nachtschichtdokumentation gelesen und einige Anmerkungen dazu. Zum Glück waren diese auch schnell abgearbeitet und ich konnte es danach noch genießen, mit einem Kollegen über die verrückten Gäste zu lästern, die hier zurzeit so sind. Das ist schließlich die Hauptfunktion in einer “customer service position”…

 

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One Response to “Die längste Nacht”

  1. U.G. vom Rolsberg sagt:

    Wie wär`s denn mit stricken? Es wird doch jetzt Winter in Australien. Das vertreibt schön die Zeit und es kommt etwas Sinnvolles dabei heraus.

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