Innigste Hassliebe

Ich hasse Joggen. Meine Verachtung für diesen “Sport” kennt praktisch keine Grenzen. Es gibt wenige Dinge, die ich so schlimm finde wie sinnfrei und kopflos durch die Gegend zu laufen. Gibt es etwas Langweiligeres? Wahrscheinlich, aber spontan fällt mir nichts ein. Die ersten fünf Minuten sind ja noch zu ertragen, aber danach wird es immer schlimmer und schlimmer, bis ich irgendwann das Gefühl habe vor lauter Langeweile und aufgestauter Aggressionen am Liebsten die nächste rote Ampel ignorieren zu wollen und mich vor das erstbeste Auto werfen will. Ich bin in der Lage, vier Stunden auf einem Rennrad zu sitzen und dabei richtiggehend Spaß zu haben, aber dreißig Minuten Laufen sind einfach 29 zu viel. Wie kann es also sein, dass der heutige Tag das zweiwöchige Jubiläum ununterbrochenen morgenliches (…) Joggen markiert?

Ich habe mir ja schon nach Weihnachten Laufschuhe gekauft, um ab und zu ein bisschen Joggen zu gehen. Angesichts der Tatsache, dass ich damals im Anschluss an die körperliche (Feld-)Arbeit und die Reiserei, angefangen habe, hier in Melbourne hauptsächlich nur Rumzusitzen erschien mir das schon sehr wichtig zu sein. Aber zwischen dem Schuhkauf und dem nahezu manischen Jogging-Wahn liegen dann doch noch Welten. Ich habe zwar das Joggen mit Beginn des Jahres angefangen, aber damals waren drei oder vier Ausflüge die Woche schon eine gute Leistung. Und als ich dann Melbourne verlassen habe und noch mal ein bisschen gereist bin, habe ich es ganz schnell wieder vergessen, das man so etwas machen kann.

Aber seitdem ich hier im Hostel arbeite, oder zumindest seit der zweiten Woche, ist mir dieses Joggen direkt nach dem Aufstehen (also irgendwann am Nachmittag) extrem wichtig geworden. Ich habe mal gehört, dass es drei Wochen dauert, bis man Verhaltensweisen geändert hat und das klingt für mich auch richtig. Ich bin zwar lange nicht jeden Tag gelaufen, habe oft wetter- oder verletzungsbedingt Pausen eingelegt und habe mir auch öfter am Wochenende eine Auszeit gegönnt. Aber in den letzten zwei Wochen war ich wirklich jeden Tag joggen, egal wie das Wetter war, egal wie viel Schlaf ich bekommen hatte, egal wie es mir ging. Und ganz ehrlich: ich kann mir ein Leben ohne diesen tief verhassten Sport nicht mehr vorstellen. Ich brauche diese halbe Stunde bei Eiseskälte, um den Tag zu beginnen und richtig aufzuwachen – vor allem angesichts der Tatsache, dass ich meist viel zu wenig geschlafen habe. Es macht zwar keinen Spaß, es ist kein Radfahren (mit Träumen von der Tour de France als Ablenkung), und ich verfluche es jeden Tag aufs Neue, aber ohne geht es einfach nicht mehr. Und so hat sich der Hass also in eine Hassliebe gewandelt, die schiophrener kaum sein könnte.

Morgen wird ein stressiger Tag. Einige wichtige Dinge stehen an, über die ich bewusst an dieser Stelle noch nicht berichtet habe. Ich werde wohl nur drei Stunden Schlaf kriegen können, bevor der Tag losgeht. Aber lieber verzichte ich auf dreißig Minuten davon, als auf meine Joggingrunde. Denn die würde mir mehr fehlen. Und das ganz ohne masochistische Tendenzen, ganz ohne Genuss des Leidens. Das sagt bestimmt irgendetwas über mich aus. Aber was das ist, weiß ich beim besten Willen nicht. Ich hoffe nur, dass es keine Liebeserklärung ist.

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3 Responses to “Innigste Hassliebe”

  1. ine sagt:

    Ha, Christoph, jetzt ist es soweit und Du hast mir nie glauben wollen, dass beim Laufen Endorphine (‘Glückshormone’) ausgeschüttet werden, die Glücksgefühle verursachen (sollen)!
    Also klingt es nach einem guten Plan, nächste Nacht lieber weniger zu schlafen, als auf die Laufrunde zu verzichten:
    Viel Glück für die morgigen Erledigungen!

  2. U.G. vom Rolsberg sagt:

    Achtung! Suchtgefahr! Gibt es einen Australienmaraton?

  3. Bestimmt mehr als einen, aber der Unterschied zwischen einer halben Stunde und einer vollen Marathondistanz ist dann doch noch mal gewaltig. Und da ich dabei keinerlei Glücksgefühle empfinde, sondern nur abgrundtiefen Hass auf diese ganze Veranstaltung, wird das mit dem Marathon wohl eher nicht stattfinden…

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