Christoph Hartwig, Professioneller Skateboarder

Beim Durchblättern meines Blog-Archivs ist mir aufgefallen, dass ich zwar verdammt viel (und verdammt lange Einträge) schreibe, aber dass ich mich dabei doch auf sehr wenige Themen beschränke. Ein bisschen etwas über meine Arbeit (Noch zwei Wochen!) und meine Kollegen, viel über Entscheidungen und meine Unfähigkeit diese zu treffen (Werde ich morgen ein Auto kaufen? Niemand kann es sagen, ich am Allerwenigsten.) und ab und zu mal ein kurzer Bericht über einen Ausflug, einen Reiseabschnitt, garniert mit ein paar Fotos. Aber was ich so in meiner normalen Freizeit mache, womit ich mich beschäftige, wenn ich nicht arbeite oder über einfachen, doch unendlich schweren, Entscheidungen brüte, nun, das ist etwas, worüber ich kaum und viel zu selten schreibe. Deswegen heute mal ein Eintrag zu diesem Thema.

Es hat alles damit angefangen, dass ich völlig verunsichert zu Mark gegangen bin. Mark ist einer meiner Arbeitskollegen und hat wohl von allen Leuten, denen ich bisher in Australien begegnet bin, am Meisten mit mir gemein. In erster Linie ist dies eine Interessensgleichheit, aber auch was Persönlichkeit und Neurosen angeht sind gewisse Ähnlichkeiten nicht zu verleugnen. Und so kommt es, dass wir uns nicht nur ausgiebig über Bücher, Filme und Reiseziele unterhalten können, sondern dass ich auch großen Respekt vor seinen Meinungen gewonnen habe und mich gerne von ihm beraten lasse, wenn es um mehr oder weniger wichtige Entscheidungen geht.

Und während ich also überlege, ob es wirklich sinnvoll ist, ein Auto zu kaufen, wenn ich nur noch vier Monate im Land bleibe, und endlos darüber sinniere, ob es wirklich ein allradangetriebenes sein muss, und dann noch ganz besonders, ob das, was ich jetzt schon zweimal angeschaut und für das ich schon einen finalen Kaufpreis ausgehandelt habe, stelle ich mir auch noch viel grundlegendere Fragen. Fragen darüber, wie es weitergehen soll mit meinem Leben. Sowohl kurzfristig darauf bezogen, was ich machen will und werde, wenn mein Vertrag hier endet und ich keine Festanstellung und Unterkunft mehr habe, als auch langfristig, also bezogen darauf, wo ich nach meiner Zeit in Australien hingehen und – noch entscheidender – was ich dort machen werde.

Und dies sind Fragen, für die Mark als Ansprechpartner geradezu prädestiniert ist. Auch wenn er fünf Jahre jünger ist als ich und ich manchmal den Eindruck habe, dass er genauso orientierungslos (trotz ganz klarer Planung) in die Zukunft schaut, so lege ich doch Wert auf seine Meinung und habe schnell gelernt, dass es oft schon ganz einfach hilfreich ist, meine Gedanken einfach im Gespräch mit ihm zu sortieren und anders und häufig klarer formuliert zurückzubekommen.

Und so bin ich also gestern (Streng genommen schon vorgestern, denn gerade ist es halb sechs Uhr morgens und ich sitze bei der Arbeit, gerade so in der Lage mich durchs Schreiben wach zu halten. Zu viele kurze Nächte bzw. Tage (also die Zeiten, in denen ich schlafe) kombiniert mit zu wenig zu tun während der Arbeitszeit zwingen mich, private Dinge zu tun, da ich andernfalls einschlafe. Und da Lesen nicht unbedingt wach hält, schreibe ich jetzt also zur Abwechslung mal wieder ein bisschen.) zu Mark an die Rezeption gegangen und habe mich ausgiebigst mit ihm unterhalten. Für ihn hatte das den Vorteil, dass er sich bei der Arbeit nicht zu Tode gelangweilt hat, während ich viele neue Ideen bekommen habe. Wie zum Beispiel die, statt einem Auto ein Kayak zu kaufen und damit rund um Australien zu rudern. Eine grandiose Idee, die ich allerdings aus Zeitmangel jetzt doch nicht umsetzen werde.

Aber bei der Frage, was ich denn mal so “beruflich” machen will, war Mark vollkommen von der Einstellung überzeugt, dass es für mich keine Alternative dazu gibt, professioneller Skateboarder zu werden. Meine Einwände – wie die Tatsache, dass ich noch nie Skateboard gefahren sei, keinerlei Balancegefühl besitze und noch nicht mal in der Lage bin, aus einem Campervan auszusteigen ohne mir den Fuß zu brechen – wurden direkt niedergeschlagen oder ignoriert. Stattdessen hat Mark dann heute (bzw. gestern, siehe vorheringen Einwurf) angefangen, mir das Skateboard fahren beizubringen.

Man muss dazu wissen, dass Mark ein sehr erfahrener Skateboarder ist und schon seit bereits vier Tagen hart trainiert, um auch sich selber den Traum vom Profi-Dasein zu verwirklichen. Er ist also sicherlich der beste Lehrer, den man sich vorstellen kann. Und so durfte ich dann also unter fachkundiger Anleitung, auf dem spiegelglatten Boden des Hostel-Foyers, meine ersten Fahrversuche unternehmen. Und bin dabei fast gestorben.

Vielleicht war es nur Trotz, nachdem meine liebe Mutter mir gestern Nacht gesagt hat, dass sie ja immer an mich glaubt, aber dass ich mir dem Traum vom professionellen Skateboarden aus dem Kopf schlagen sollte, der mich dazu bewogen hat, nicht direkt aufzugeben. Verbesserungen binnen der ersten zehn Minuten waren es jedenfalls nicht, die mich zum Weitermachen angetrieben haben. Der Hauptgrund lag aber sicherlich in Marks Überzeugung, meine Berufung gefunden zu haben. Und so habe ich mich dann also überzeugen lassen, es auf der dunklen Straße auszuprobieren.

Und bin dort binnen kürzester Zeit zum Profi aufgestiegen! Ich habe es tatsächlich nicht nur geschafft, nicht tödlich zu verunglücken oder das Skateboard von einem Auto überfahren zu lassen (auch wenn das sehr knapp war), sondern bin mehrfach selbst angetrieben in geraden Linien gefahren ohne von dem viel zu kleinen und instabilen Brett zu fallen. Ein überwältigender Erfolg und somit ein ganz klares Zeichen dafür, dass mein weiterer Lebensweg vorgezeichnet ist. Hier nun also ganz offizielle die Mitteilung meiner Entscheidung: ab morgen werde ich professioneller Skateboarder!

Mir ist natürlich klar, dass das Gelingen eines Karriereplans von mehr als meinem Beschluss abhängt. Und ebenso, dass ich kein großer Freund von Skateboards bin und auch niemals sein werden. Aber das ist relativ irrelevant, denn Marks Ziel wurde ganz klar erreicht. Für ein paar Minuten war ich einmal komplett aus meinem Kopf heraus, habe einfach Spaß gehabt und nicht über Entscheidungen und Optionen nachgedacht. Wenn ich jetzt noch die Sache finde, die mich etwas häufiger in diesen Zustand versetzen kann, wäre das natürlich ein Riesenschritt. Aber bis das passiert kaufe ich mir lieber mal ein Skateboard und breche mir den ein oder anderen Knochen. Das wäre kein Opfer, sondern nur Beweis meines Einsatzes. Oder etwas nicht?

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11 Responses to “Christoph Hartwig, Professioneller Skateboarder”

  1. ine sagt:

    O.K. Du hast mich überzeugt, Du könntest selbst skateboarden ;-)

  2. Ich möchte nur kurz darauf hinweisen, dass meine Mutter so “hip” ist, dass sie Emoticons verwendet. Da ist es ja kein Wunder, wenn der Sohn Anwandlungen eines “hipsters” entwickelt. :-)

  3. ine sagt:

    Wenn ich es nicht besser wüßte oder glaube Dich recht zu kennen, würde ich annehmen, Du hast das eherne Gesetz ‘kein Alkohol am Arbeitsplatz’ gebrochen…

  4. Gesetz, Geschmetz. Bin allerdings heute zur Abwechslung mal völlig nüchtern.

  5. ine sagt:

    Na da bin ich ja beruhigt!

  6. Charlotte sagt:

    Ich sag es dir nur ungern, aber wenn du Anwandlungen eines “hipsters” entwickeln würdest, müsstest du Longboard fahren. Das Brett ist allerdings auch breiter und länger (glaube ich), d. h. evtl. auch höhere Erfolgsaussichten?!

  7. Deswegen ja auch nur Anwandlungen eines Hipsters! Denn Longboard fahren ist viel, viel einfacher und mit den einfachen Dingen habe ich mich noch nie abgegeben!

  8. J.G. aus B am R in B sagt:

    Wie lange wird es denn noch dauern bis Du einen Ollie kannst? Oder Grinden?
    Aber wenn Du Pro-Skater werden willst, dann warte ich mal darauf, dass Du als Figur bei Tony Hawk’s Pro Skater auftauchst. ;)

  9. Ollie? Grinden? Was ist das denn? Ich werde mich als nächstes erstmal an Kurven versuchen. Oder dem Beschleunigen während der Fahrt.

  10. J.G. aus B am R in B sagt:

    Das ist… ah, never mind! Solltest Du wirklich Pro werden, wirst Du es früh genug herausfinden. ;)

  11. U.G. vom Rolsberg sagt:

    Deine Mutter ist natürlich total egoistisch, will sie Dich doch heil und gesund – zumindest auf den Füßen laufend in einigen Monaten vom Flughafen abholen. So sind Mütter nunmal.

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