Eine Nacht zum Vergessen

Die meisten Nächte bei der Arbeit sind eintönig und langweilig und ich neige sehr dazu, mich genau darüber zu beschweren. Aber nach dieser Nacht werde ich sie sicherlich in Zukunft zu schätzen wissen. Und nicht nur, weil sie es mir erlauben, viel zu lesen. Sondern vor allem, weil sie so schön entspannt und problemfrei sind. Gestern ganz anders – eine unerfreuliche Geschichte nach der anderen. Und das von der ersten Minute an.

Ich war gerade dabei, meine Kasse zu zählen (Nennt man das im Deutschen so? “Counting my till” ist hier absolut normal, aber die Übersetzung lässt etwas zu wünschen übrig.) und mit Mark und Khy, die den Nachmittag gearbeitet hatten, ein bisschen Neuigkeiten auszutauschen, als wir auf einmal von einem leisen, aber eindringlichen Alarm unterbrochen wurden. Nun muss man wissen, dass es hier ungefähr dreizig verschiedene Alarm-Systeme gibt und diese alle etwas anderes zu bedeuten haben. Wir waren uns jedoch einig, dass es wie der Alarm klingt, der darauf hinweist, dass eine der Notausgangstüren geöffnet wurde. Allerdings war dieser Alarm gar nicht eingeschaltet. (Was damit zusammenhängt, dass er an einer Tür defekt ist und deswegen ständig grundlos auslöst. Und man kann nur das ganze System abschalten. Was außer mir niemanden zu stören scheint, aber das nur am Rande.) Wir haben also zu dritt angefangen nach dem leisen Alarm zu suchen und haben schließlich festgestellt, dass es das “fire panel”, die Schaltstelle des Feueralarms, war. Auf diesem war angezeigt, dass die Rauchmelder in den Zimmern im ersten Stock einen Defekt haben. Gut zu wissen, aber bei 25 Zimmern etwas mühsam, herauszufinden, wo das Problem genau liegt. Wir haben also das einzig Vernünftige gemacht und solange am fire panel rumgespielt, bis wir a) den Alarm ausgeschaltet hatten und b) die Lampe, die auf den Fehler hinweist, nicht mehr leuchtete. Ob dies bedeutet, dass dieser behoben ist, wussten wir allerdings alle drei nicht. Ja, die Einarbeitung könnte in manchen Dingen doch etwas besser gewesen sein.

Mir war also beim eigentlichen Start meiner Arbeit schon nicht so ganz wohl zumute. 310 Gäste im Haus und eventuell stimmt etwas mit dem Feueralarm nicht. Kein guter Start. Und das auch nach an dem Tag, an dem das Rugby-Spiel zwischen Queensland und New South Wales hier in Melbourne, Victoria stattgefunden hatte. Es waren also reichlich betrunkene Rugby-Fans im Haus und gingen mir so ziemlich von diesem Moment an auf die Nerven. Ganz besonders, nachdem Mark mich beim Rausgehen noch darauf hin wies, dass das Mädeln, welches mit den vier Jungs aus Zimmer 318 unterwegs war, kein Gast sei und ich sie deswegen, wenn sie wieder auftaucht, rausschmeißen muss.

Die nächste Stunde war relativ ruhig. Wenn man davon absieht, dass ich vier betrunkenen Queensland-Fans mit der Polizei drohen musste, bis sie endlich ruhig waren und dann auch ins Bett verschwunden sind. Um Mitternacht fingen dann die beiden Jungs, die im Gegenzug für eine kostenlose Unterbringung im 8-Bett-Zimmer zwei Stunden lang putzen, mit ihrer Arbeit an und ich hatte ein wenig nüchternere und nettere Gesellschaft. Bin in der Zeit auch mit meiner Arbeit gut vorangekommen und war ganz optimistisch, dass die Nacht noch ein gutes Ende nimmt, als um halb zwei Victor, der Franzose der die Küche putzt, mit blutüberströmter Hand ankam. Er hatte sich beim Rausbringen des Mülls an einer scharfen Sache in einer der Mülltüten den Finger aufgeschnitten und auch wenn es nur ein kleiner und nicht sehr tiefer Schnitt war, so blutete es doch gewaltig und ich musste zum ersten Mal eine “Incident Report Form” ausfüllen, damit er auch ja hinterher nicht klagen kann. Alles etwas umständlich und ich habe dann auch erstmal die Blutflecken, die im halben Treppenhaus verteilt waren, weggemacht. Und so war es schon zwei, als ich mich endlich an die nächtliche Hauptaufgabe, die Buchhaltung, machte.

Diese ist glücklicherweise der Teil der Arbeit, der bei mir am Schnellsten geht, so dass ich um drei mal wieder Leuten sagen konnte, doch bitte leise zu sein und Rücksicht auf die schlafenden Schulkinder zu nehmen. Kurz darauf kam ein Australier, der schon mal häufiger hier ist, und wollte gerne ein Zimmer bis Sonntag haben. Allerdings wollte er nicht für die verbliebenden Stunden dieser Nacht $34 bezahlen und es ist ein deutliches Zeichen, wie egal mir alles zu diesem Zeitpunkt schon war, dass ich ihm erlaubt habe, die Nacht in der Lounge zu verbringen, statt ihn weisungsgemäß zu bitten, am Morgen wiederzukommen.

Im Anschluss habe ich dann endlich mal die Überwachungskameras kontrolliert und darauf gesehen, dass im 4-Bett-Zimmer 318 tatsächlich fünf Leute verschwunden sind. Vier männliche Rugby-Fans (eben Queensland-Anhänger, aber das nur so nebenbei), die von der Statur her auch Rugby-Spieler sein könnten, und eine zierliche junge Dame. Ich weiß, dass ich zu diesem Zeitpunkt zu dem Zimmer hätte gehen müssen und das Mädel entweder rausschicken oder ihr noch ein anderes Bett hätte verkaufen müssen, aber mein Bedürfnis, mich um halb drei mit dieser Sorte Leute rumzuplagen hielt sich dann doch in Grenzen.

Um fünf dann der nächste Schock, als ein Gast aus Zimmer 321 kam und fragte, wieviele Leute denn bitte bei ihm im Zimmer seien. Es sollten drei sein, ihn eingeschlossen, und ich bereute meine Nachfrage, warum er denn frage, sofort. Denn er hatte kurz vorher einen anderen Gast in sein Zimmer gelassen, da dieser nicht in der Lage war, mit der Magnet-Karte die Tür zu öffnen. Und dieser offensichtlich betrunkene Gast hat dann erst in einem Bett geschlafen, dann mitten ins Zimmer gepisst, und sich dann in das Bett des armen Deutschen, der zu mir gekommen war, gelegt. Ich habe mir das also mal angeschaut und festgestellt, dass ich diesen Gast doch nur zu gut kenne und dass er in einem ganz anderen Zimmer sein sollte. Ich habe allerdings nach leichter Geruchskontrolle auch beschlossen, ihn erstmal weiterschlafen zu lassen, bevor er auch noch in sein Zimmer pinkelt. Interessanterweise war der dritte Mann in dem Zimmer auch nicht einer derjenigen, die dort drin sein sollten, während die zwei, die dort sein sollten, nicht aufzufinden waren.

Zu diesem Zeitpunkt war ich es einfach nur noch leid und wollte nur noch fertig sein mit meiner Schicht. Das einzig Gute war, dass ich in dem Zimmer schlecht saubermachen konnte, solange dort noch jemand anderes schlief. In der Hinsicht war es also besser als die Nacht, in der ein betrunkener Deutscher (bloody Germans) den ganzen Flur im zweiten Stock vollgekotzt hat und ich bestimmt eine halbe Stunde auf Knien rumgerutscht bin, um die Spuren zu beseitigen. Es war nicht nur diese Erinnerung, die mich zu der Überzeugung brachte, mich letztens Endes in einigen der Situationen dieser Nacht alles andere als ideal verhalten zu haben. Deswegen habe ich dann auch das Sicherheitsgitter, dass ich abends an der Rezeption herunterlasse und morgens normalerweise um 6 wieder öffne,sicherheitshalber noch bis halb sieben unten gelassen. Als dann um viertel vor sieben endlich Doosh, der Assistenz-Manager, kam und ich alles loswerden konnte, war ich einfach nur noch erleichtert. Nach der Arbeit bin ich noch schnell zum Queen Victoria Market gegangen um frisches Obst einzukaufen und bei meiner Rückkehr bekam ich dann schon zu hören, dass die Jungs (und das Mädel) aus 318 ausgecheckt hätten und anstandslos noch für die fünfte Person bezahlt haben. Jetzt bin ich mal gespannt, wie die Geschichte aus Zimmer 321 ausgeht. Ich könnte gleich mal gucken gehen, ist ja direkt um die Ecke. Aber vielleicht gehe ich auch einfach ins Bett.

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One Response to “Eine Nacht zum Vergessen”

  1. ine sagt:

    Na hoffentlich erfahren wir noch das Ende der Geschichte in Zimmer 321!?
    Beruhigend, dass man sich von Anfang an überlegen konnte, dass Du die Nacht überlebt haben musst.

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