The Night Guy

Ich bin mir nicht so sicher, ob ich diesen Eintrag wirklich schreiben soll. Und noch weniger, ob ich ihn veröffentlichen soll. Es ist in gewisser Hinsicht das Portrait eines meiner Kollegen bzw. genauer gesagt des anderen Nachtportiers hier im Hostel. Und ich weiss, dass er, wenn er jemals rausfinden würde, dass ich dies geschrieben habe, nur noch eins zu mir zu sagen hätte: “I’ll kill you!” Was allerdings, sollte man fairerweise erwähnen, er auch so ziemlich häufig zu mir und ungezählten anderen Leuten sagt. Immer mit einer komisch hohen Pieps-Stimme. Keine Ahnung was es damit auf sich hat. Auf jeden Fall bin ich mir ziemlich sicher, dass er es dann erst meinen würde. Aber ich schreibe dies trotzdem, denn auch wenn es auf den ersten Blick wie eine Offenlegung seines Charakters wirkt, so offenbart dieser Text doch eigentlich viel mehr über mich. Man muss nur vielleicht ein bisschen zwischen den Zeilen lesen.

Berichten wir also von diesem “Night Guy”. Natürlich wäre es einfacher, seinen Namen zu erwäehnen, aber natürlich auch riskanter. Und ausserdem ist es viel amüsanter ihn als Night Guy zu bezeichen. Den Fehler hat Khy nämlich letzte Woche gemacht. Und da ist er fast ausgeflippt. Hat sich dann sogar noch bei einem der Manager beschwert. Der hat daraufhin mich gefragt, ob ich damit ein Problem hätte. Ich habe gesagt, dass es halt einfach so sei. Ich sage nachts den Leuten ja auch nicht: kommt am Morgen wieder und redet mit Christian. Oder Doosh. Ich sage ihnen einfach: redet mit dem Management. Bloß weil man gelegentlich bei seiner Rolle genannt wird bedeutet das ja noch lange nicht, dass man nicht respektiert wird. Aber gut. Das nur am Rande.

In gewisser Hinsicht sollte ich dem Night Guy sicherlich dankbar sein. Immerhin hat er mich angelernt. Hat sich drei Nächte mit mir um die Ohren geschlagen, bevor ich alleine die Regie übernehmen durfte. Jetzt arbeitet er nur, wenn ich frei habe. Was ihm aber auch noch zu viel ist. Aber irgendwie ist er halt auch so einer, der sich über die Arbeit beschweren muss, um zufrieden zu sein. Und am Besten auch noch ganz generell darüber, wie schwierig und ungerecht das Leben ist. Ganz besonders seins. Wir kennen alle diese Sorte.

Der Night Guy kommt aus Indien. Ist dort aufgewachsen und dann zum Studieren nach Australien gekommen. In wenigen Monaten wird er damit fertig sein und würde dann gerne als Mathelehrer hier arbeiten. Aber das ist halt für Auslaender nicht so ganz einfach und deswegen auch ganz furchtbar ungerecht für ihn. Aber er will es trotzdem versuchen, die nütigen Tests zu bewältigen und das Visum zu ergattern. Denn zurück nach Indien zu gehen kommt für ihn nicht in Frage. Zu sehr hat er sich an den westlichen Lebensstil gewöhnt – oder das ist zumindest meine Einschätzung der Situation.

Es ist faszinierend, wie er es schafft, dass niemand, wirklich absolut niemand, ihn mag. Die Gäste empfinden ihn durch die Bank als unhöflich. Berechtigterweise. Und den anderen Leuten, die hier an der Rezeption arbeiten, graut es vor den fünfzehn Minuten, in denen die Schichtübergabe läuft. Selbst der Manager (oder sollte ich jetzt “Christian” schreiben?) hat mich am Anfang vor ihm gewarnt – so nach dem Motto: “Höre Dir an, wie er es macht, und dann mache es auf Deine Art (die sicherlich besser ist).”

Besonders befremdlich und unangenehm, neben den eingangs erwähnten “I’ll kill you” Tiraden und seiner alles überlagernden Faulheit, ist sein Verhalten jungen Frauen gegenüber. Oder nicht so sehr gegenüber als mehr hinterher. Diese auf Sex-Objekte zu reduzieren wäre noch ein Euphemismus für das, was er macht. Da wird hinterher gestarrt, mit der Zunge geschnalzt und ein blöder Spruch gebracht – bei wirklich jedem Mädel, das an der Rezeption vorbeiläuft. Ob nun Backpackerinnen oder Schülerinnen, die als Teil ihrer Achtklässlergruppe hier sind, ist dabei völlig egal. Es ist, und mit dieser Auffassung stehe ich nicht alleine da, einfach nur ekelhaft.

Und weil wir ja nun mal zusammen gearbeitet haben und ich ihn auch sonst häufiger sehe, darf ich mir auch alle seine Geschichten anhören. Die meisten beginnen beim Salsa, denn das (den?) tanzt er begeistert. Jeden Sonntag Abend. Und schleppt da immer eine Frau ab. Oder so stellt er es zumindest dar. Und spricht dann auch über diese in genau der gleichen Art. Es sind keine Frauen, es sind “bitches”. Alle von ihnen.

Und so habe ich den Night Guy dann halt auch gesehen. Als arroganten, unerfreulichen Chauvinisten. Als genau die Sorte Mensch, der ich am Liebsten komplett aus dem Weg gehen würde. Nur dass dies natürlich nicht so einfach ist und eigentlich überhaupt nicht geht, hat dann manchmal doch auch etwas Gutes, wie ich Freitag Nacht festgestellt habe.

Es war einer meiner freien Tage, aber ob nun frei oder nicht, ich hänge ja immer hier an der Rezeption rum. Ein nettes Schwätzchen mit den werten Kollegen über dies oder jenes ist immer willkommen. Dem Night Guy würde ich dabei gerne aus dem Weg gehen, aber er hat beschlossen, dass wir uns gut verstehen und ich konnte ihn bisher nicht dieser Illusion berauben.

Freitag Abend jedenfalls bat (oder besser kommandierte) er mich zum Gespräch hinter die Rezeption und mir schwante Fürchterliches. Ein weiterer Angriff auf meine Herangehensweise? Noch eine Lektion, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Khy von uns als den Night Guys spricht? Oder einfach nur Fleischbeschau, auch wenn das wetterbedingt mehr eine Winterklamottenbeschau ist? Jedoch, es kam ganz anders. So anders, dass ich seitdem sehr sinniere, was Menschen eigentlich ausmacht und wie viel von dem, was wir als unser Ich präsentieren, tatsächlich etwas von uns ist.

Denn dieser oberflächliche Chauvinist, dieser in seiner pseudo-lustigen Art unerträglicher Kerl, schaffte es tatsächlich mich zu überraschen. Mit seinem Eingeständnis, wo auch immer es hergekommen sein mag, dass er unglaublich einsam ist und sich nach nichts so sehr sehnt wie nach einer Freundin. Nicht so sehr wegen der körperlichen Seite, sondern einfach um jemanden zu haben, mit dem er alles teilen kann.

Wahrscheinlich hätte ich nicht überrascht sein sollen. Gibt es etwas Menschlicheres als dieses Bedürfnis? Und aus welchem Grund auch immer sich dies ständig wiederholt, ich sollte mich eigentlich auch daran gewöhnt haben, dass mir Leute, die ich kaum kenne, ihre Lebensgeschichte erzählen und all ihre Geheimnisse und Probleme anvertrauen. (Die ich dann natürlich prompt hier weiterverarbeite. Verachtungswürdig.) Aber wenn man sich erstmal ein Bild von jemandem gemacht hat und dieses Bild auch noch von der Person immer wieder bestätigt wird, hört man wohl meist schnell auf sich über das, was dahinter steht und darunter liegt, Gedanken zu machen. Selbst wenn es so offensichtlich ist. Der Mann der ständig von seinen romantischen Eroberungen prahlt und Frauen auf reine Sex-Objekte reduziert sehnt sich nach Geborgenheit und einer Frau, die ihm etwas bedeuten kann. Man muss nicht Psychologie studiert haben um den Archetypen zu erkennen.

Und jetzt? Jetzt mag ich den Night Guy immer noch nicht. Das wird sich auch nicht ändern, unsympathisch ist und bleibt er. Aber in meine Verachtung mischt sich jetzt auch Mitleid und ein gewisses Verständnis. Und ich muss lernen damit zu leben, dass ich ihm gleichzeitig eine Freundin wünsche (und nicht nur, weil er mir dann sicherlich weniger auf die Nerven fallen würde), aber auch keiner Frau den Night Guy als Freund wünschen werde. Ein interessanter Zwiespalt und ein guter Grund, noch ein wenig über die menschliche Natur nachzudenken. Gut, dass ich dazu in meinen langen und langweiligen Nächten reichlich Gelegenheit haben werde.

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