Kein Privatleben

Die erste Sache, die ich zurzeit morgens, bzw. nach dem Aufstehen am mehr oder weniger frühen Nachmittag, mache, ist Joggen zu gehen. Es wirkt wahre Wunder wenn es darum geht, wach zu werden. Nach viel zu wenig Schlaf macht es einen neuen Menschen aus mir, der bereit ist den neuen Tag bzw. die neue Nacht in Angriff zu nehmen. Und wenn ich laufen gehe, dann führt mein Weg natürlich an der Rezeption vorbei. Geht auch nicht anders, wenn man an seinem Arbeitsplatz lebt. Und da gehen dann die Probleme los.

Es ist schon fast eine Tradition. Einer der Rezeptionisten oder eine der Rezeptionistinnen fragt mich, wo ich denn hingehen würde und ich brauche noch nicht einmal auf mein super sportliches Outfit verweisen, denn Aimee sagt unweigerlich: “he’s going for his morning run”. Und weil ich zu dem Zeitpunkt noch mindest halb schlafe und außerdem das Sonnenlicht langsam knapp wird (es ist ja schon fast drei), bleibt es dann erstmal dabei und ich mache mich auf den Weg, eine halbe Stunde durch North Melbourne und den Royal Park zu joggen, meist bei gefühlten Minustemperaturen.

Und dann komme ich wieder “nach Hause”, natürlich ziemlich abgekämpft weil ich trotz meines fortgeschrittenen Alters immer noch nicht gelernt habe, meine Kräfte einzuteilen und weil weniger als 100% zu geben einfach nicht möglich ist. Aber immerhin bin ich jetzt wach und in der Lage auf die Fragen bzw. Höfflichkeitsfloskeln meiner werten Kollegen zu antworten. Aber wenn dann gerade der Schichtwechsel ist und da fünf Leute hinter der Rezeption stehen und Aimee wieder anmerkt, dass ich gerade von meinem morgendlichen Lauf wiedergekommen bin, ist es doch ein wenig komisch. Oder, wie ich letztens entgegnete: “Ist es nicht toll, dass ich überhaupt kein Privatleben mehr habe?”

Dies soll keine Beschwerde über meine Arbeit, die Tatsache, dass ich im gleichen Hostel wohne und arbeite, oder meine Kollegen sein. Ich habe dies alles freiwillig gemacht und ich bereue die Entscheidung ganz und gar nicht. Die Arbeit ist in Ordnung, hier zu wohnen lässt mich eine Menge Geld sparen, und die Leute mit denen ich arbeite sind durch die Bank sehr nett und ich verstehe mich gut mit allen – auch mit Aimee. Aber trotzdem wäre es manchmal ganz nett, auch ein wenig Leben außerhalb dieses Kreises zu haben. Aber bitte, ohne diesen dafür aufzugeben, natürlich.

Meine Nachmittage diese Woche sind ruhig und beschaulich. Es gibt zwar viele Dinge, die ich tun müsste, aber ich erfreue mich gerade daran, diese einfach mal liegenzulassen und so gut es geht das Leben zu genießen. Und das heißt auch, dass ich mindestens zweimal am Tag an die Rezeption hinuntergehe und die anderen vom Arbeiten abhalte. Es gibt welche, die sich darüber immer freuen, Tanya und Khy zum Beispiel. Und welche, die das eher nervt, wie Michael. Aber für mich ist es eine schöne Abwechslung und führt auch manchmal zu sehr unterhaltsamen Nachmittagen und Abenden. Wie gestern, als Mark mitteilte, dass er am Arbeit im Lotto gewinnen würde und er, Tanya und ich mehrere Stunden darüber diskutiert haben, was er denn dann mit den $70 Millionen machen würde. Khy, der eigentlich frei hatte, kam dann auch noch vorbei. Er hatte sich gerade Inline Skates gekauft und musste diese dann unbedingt ausprobieren. Es als amüsant zu beschreiben wäre untertrieben. Khy und ich sind dann schließlich “dumplings” kaufen gegangen und wir haben einen kleinen (oder auch größeren) Festschmaus im Büro abgehalten. Alles nicht so ganz regelkonform und Mark meinte zu mir, ich sollte dafür sorgen, dass nur ja nichts in der Nacht passiert, was dazu führen würde, dass jemand sich die Aufzeichnungen der Überwachsungskameras ansieht. Aber es sind diese Momente, die sich so nicht planen lassen, die das Reisen und auch das Leben an und für sich ausmachen. Ich habe vielleicht kein Privatleben mehr, aber wenn dies die Folge davon ist, nehme ich es gerne in Kauf. Und freue mich schon auf die nächsten Erlebnisse. Wenn doch nur die Nachtschichten auch so abwechslungsreich und interessant wären…

Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,

Leave a Reply