20 Minuten

Mal ganz abgesehen davon, welche persönlichen Ziele ich hier in Australien verfolge, offiziell bin ich hier als Tourist. Natürlich darf ich auch arbeiten, aber die Arbeit soll nur dazu dienen, das Reisen zu finanzieren. Und damit bin ich ja auch automatisch “Backpacker”, Rucksacktourist, denn schließlich sind die Hostels, die Jugendherbergen, die günstigsten Unterkünfte und erlauben einem damit, die Reisen länger zu strecken. Ich sollte mich also den Gästen in diesem Hostel, wo ich arbeite, sehr verbunden fühlen. Sie sind wie ich, meine Sorte Menschen, andere Reisende die ganz eigene Ziele (die selten sonderlich originell sind) mit ihrem Aufenthalt in Australien verwirklichen wollen. Aber so einfach ist das dann doch nicht, denn gleichzeitig bin ich ja nun hier festangestellt und habe mit meiner 40-Stunden-Woche (vom Nebenjob dazu ganz zu schweigen) ein ganz anderes Leben als die meisten Gäste hier. Und so hat sich meine Einstellung gewandelt und ich fühle mich nicht mehr den anderen Backpackern nahe, sondern eher der arbeitenden Masse.

Ein bisschen absurd ist das natürlich schon, aber darum geht es hier und heute eigentlich gar nicht. Viel mehr ist es nur als Einleitung zu verstehen und als Erklärung dafür, dass ich mit den Leuten, die um 5 Uhr morgens auschecken, weil sie einen frühen Flug haben, nur bedingtes Mitleid habe. Klar, sie müssen früh aufstehen, aber es ist ein einmaliges Ereignis. Ich sitze fünf Morgen die Woche um die Zeit an der Rezeption. Und deswegen habe ich auch immer Verständnis für die Taxifahrer, die um diese Zeit natürlich genervt sind, wenn sie noch reinkommen müssen, um ihre Passagiere abzuholen.

Letzte Woche kam einer um kurz nach fünf und fragte mich, ob es in Ordnung sei, wenn er drinnen warten würde. Angesichts von 3° draußen und meiner eingangs erwähnten Disposition zu anderen Nachtschaffenden, habe ich es ihm natürlich umgehend erlaubt. Hätte es natürlich auch unter anderen Umständen getan, aber mein Verständnis war schon größer als bei den meisten Anfragen, die ich um diese Zeit so bekomme. Und so habe ich mich dann ein wenig mit dem Taxifahrer, übrigens indischer Herkunft (was niemanden überraschen sollte), unterhalten und natürlich auch die Frage gestellt, ob er jetzt am Ende seiner Schicht sei oder gerade erst angefangen habe. Und seine Antwort hat mir dann doch zu denken gegeben. Er hatte nämlich gerade erst angefangen und war sehr froh darüber. Denn nach drei Jahren Nachtarbeit darf er diese jetzt nicht mehr machen. Aus einem ganz einfachen Grund: Vitamin D Mangel.

Und solche Informationen beziehe ich natürlich immer direkt auf meine eigene Situation. Mangelerscheinungen wegen zu wenig Sonnenlicht – das kommt mir inzwischen doch irgendwie bekannt vor. Ich mache mir natürlich keine ernsthaften Sorgen. Drei Monate sind so lang auch wieder nicht und im hohen Norden überleben die Leute ja schließlich auch den Winter. Aber das hat mich nicht davon abgehalten, mit einigen meiner Kollegen darüber zu reden. Von einer habe ich dann erfahren, dass man wohl 20 Minuten direktes Sonnenlicht pro Tag bekommen sollte. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber es ist eine nette Hausnummer und außerdem inzwischen der running gag schlechthin. Wenn ich nachmittags das Hostel verlasse um nach meinem (viel zu kurzen) Schlaf Joggen zu gehen, ist die Frage immer die gleiche: “Getting your twenty minutes?”

Und somit habe ich jetzt immer diese zwanzig Minuten im Kopf. Und versuche auch wirklich, diese zu bekommen. Denn auch ganz abgesehen vom Vitamin D ist es doch auch einfach gut, ein bisschen Tageslicht zu sehen. Und wenn dann endlich mal so heute wieder die Sonne richtig scheint geht auch nichts darüber, nach dem Joggen noch für eine halbe Stunde in einen Park zu gehen. Sozusagen als Vorrat für die vielen grauen Tage, die sicherlich wieder kommen werden.

 

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One Response to “20 Minuten”

  1. J.G. aus B am R in B sagt:

    Glaub mir, nur weil man zu einer Gruppe gehört (gehören soll) heißt das noch lange nicht, dass man sich ihr auch verbunden fühlt. Ich war/bin Student der Rechtswissenschaften und ich sage es gibt kaum was schlimmeres als ständig mit anderen aus dieser Gruppe rumzuhängen. Es gibt durchaus einen Grund, warum ich meine Haarfarbe noch nicht geändert/angepasst habe. So kommt niemand auf die Idee, ich könnte was mit Juristen zu tun haben. ;)

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