Routine kommt, bevor man sie bemerkt

Ich kann es selber kaum glauben. Am Samstag war es sechs Wochen her, dass ich angefangen habe, in diesem Hostel als Nachtportier zu arbeiten. Beziehungsweise: an dem Tag hat mein Training begonnen – bei der eigentlichen Arbeit werde ich erst heute Nacht mein sechswöchiges Jubiläum feiern können. Aber auch so ist schon einiges an Zeit ins Land gegangen und dieses ach so andere Leben ist schon wieder – fast unbemerkt – zur Routine geworden.

Eigentlich habe ich ja einen ganz normalen Schlafrythmus. Ich gehe um Mitternacht ins Bett und stehe gegen 7 wieder auf. Nur sind dies eben die Zeiten im mitteleuropäischen Sommer und meine Zeitzone ist denen acht Stunden voraus. Aber nachdem ich mich im Rahmen der Überlegungen zur Vertragsverlängerung noch gefragt habe, ob ich es wohl durchhalten würde, weiterhin diesen Tagesablauf zu haben, habe ich mich jetzt daran gewöhnt. Natürlich ist es nicht ideal. Natürlich ist es schwierig, wenn man kaum Tageslicht sieht. Und natürlich existiert ein normales Privatleben nicht mehr, aber eigentlich ist das doch alles halb so wild. Das denke ich ich mir zumindest zurzeit meist. Schließlich habe ich einen guten Job mit dem ich gutes Geld verdiene und habe mich eben an die Situation gewöhnt. Und das, ohne es so recht bemerkt zu haben. Die Routine hat sich wirklich eingeschlichen und jeder Tag sieht fast gleich aus. Und auch wenn ich ihn nur bei Kunstlicht betrachten kann, gefällt er mir doch ganz gut. Aber natürlich auch nur, weil ich weiß, dass dieses Spiel in sieben Wochen sein Ende haben wird. Noch fünfzig Tage läuft mein Vertrag von heute an und danach werde ich hoffentlich genug Geld gespart haben, um die letzten Monate in Australien genießen zu können. Hoffentlich, weil ich jetzt angesichts von guten Einnahmen und geringen Ausgaben schon wieder mit solchen Ideen spiele, wie mir eine neue Kamera zu kaufen. Oder ein paar Winterklamotten für das empfindlich kalte Melbourne. Oder zumindest ein paar lange Sportsachen, denn in Shorts und T-Shirt joggt es sich bei 10° halt doch nicht so gut.

Aber das klingt alles viel zu sehr nach Routine im negativen Sinne und danach, dass es sich bei all dem lediglich um ein Mittel zum Zweck handelt. Und natürlich ist dieser Job des Nachtportiers das auch in erster Linie. Es ist aber auch eine gewisse Zufriedenheit mit diesem Alltag, mit dieser Routine, mit diesem geregelten Lebensablauf verbunden. Es ist ganz sicher nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber es ist seit vielen Monaten, ja Jahren, die größte Sicherheit und Beständigkeit, die ich erlebt habe. Und das hilft. Zu wissen, wo ich morgen wohne. Was ich die nächsten Woche mache, um Geld zu verdienen. Ja sogar, welche Leute ich in der knapp bemessenen Freizeit zu normalen Stunden sehen werde. Für eine Weile ist das unglaublich viel wert, allen Nachteilen zum Trotz.

Das bedeutet aber auch, dass mir der Abschied von all diesen Sachen sehr schwer fallen wird. Wenn man auf einer Reise überall nur ein paar Tage oder Wochen Station macht, ist es schon schwer genug, sich von Orten und Freunden zu trennen. Wenn man dann auf so einer Reise auf einmal 9 Monate an einem Ort verbracht hat und die letzten drei davon in einem so geregelten, so normalen, so alltäglichen Umfeld, wird der Abschied ein ganz anderer. Davor graut mir gerade ein wenig, auch wenn es noch viele Wochen bis dahin sind und ich mich natürlich auch sehr darauf freue, wieder etwas Anderes zu sehen. Aber es ist eine dieser Lektionen, die ich in Australien ja auch lernen wollte: die Reize eines ganz normalen Lebens.

Ich weiß, wie pathetisch und schwermütig das gerade klingt. So ist es aber eigentlich gar nicht gemeint. Ich wollte eigentlich nur darauf hinweisen, dass ich jetzt seit sechs Wochen hier arbeite, seit sechs Wochen nachts arbeite, mich in den letzten sechs Wochen nicht nur eingearbeitet, sondern auch eingelebt habe. Und das dies eigentlich sehr gut ist – wie das mit Routine so ist. Wozu das allerdings auch führen kann, kann jeder rausfinden, der einmal bei den Tags etwas weiter unten auf “Routine” klickt und noch einmal die alten Einträge aus Bundaberger Zeit liest. Ich bin aber eigentlich optimistisch, dass es diesmal nicht so schlimm kommen wird. Dass ich das Bloggen nicht wieder aufgebe. Und dass es der Einstieg zu einem letzten neuen Abenteuer und, ja, einem letzten ganz neuen Leben, in diesem Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten ist.

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