Australischer Fußball

Ich habe in den letzten Wochen eine neue Theorie entwickelt. Ich vermute mal, dass sie nicht sonderlich originell ist und eigentlich auch nicht neu, da sie andere vorher schon aufgestellt und vielleicht sogar bewiesen oder widerlegt haben, aber für mich stellt sie einen neuen Gedankengang dar und hat meine Überlegungen über Australien, die Gesellschaft und die Welt generell in ganz neue Bahnen gelenkt. Und die Theorie ist folgende: wenn Du etwas über die Menschen eines Landes erfahren willst, dann schau Dir ihren Volkssport an. Die Kultur einer Region spiegelt sich im Sport wider.

Ich finde dies eine ausgezeichnete Theorie. Schaut man sich die Amerikaner an und deren Volkssport Baseball, findet sich dort alles wieder was das Land und die Leute auszeichnet: der Sport ist todlandweilig und man schaut sich die Spiele eigentlich nur als Entschuldigung an, um Patriotismus zu zeigen, fette Snacks in wahrlich atemberaubenden Mengen zu sich zu nehmen und das alles mit ein paar “light beers”, also kalorienreduzierten Bieren, runterzuspülen.

Dann gibt es Länder, wo sie Cricket spielen und die Regeln dazu kenne ich ja inzwischen auch. Es ist womöglich noch langweiliger als Baseball und die Spiele dauern noch länger, aber immerhin haben die Zuschauer Interesse daran. Und ich kann verstehen warum sich Länder wie Indien und Pakistan nach einem langweiligen Sport sehnen, so stressig wie deren Alltagsbeziehungen zueinander aussehen.

In Deutschland hingegen wird wie fast überall in Europa den Fußballern zugejubelt und dieser hochinteressante und spannende Sport sagt viel über die Mentalität des Landes und der Leute aus. Vor allem im Ruhrgebiet, wo harte Arbeit nicht immer zum Erfolg führt, aber trotzdem honoriert wird.

Polarisieren diese Meinungen? Ist das eine Aneinanderreihung von Vorurteilen, geprägt durch meinen eigenen Hintergrund, meine Kultur, meine Gesellschaft und meinen Sport? Aber natürlich! Sollte man irgendetwas davon ernst nehmen? Wahrscheinlich besser nicht. Aber die Überlegung ist trotzdem interessant und eine ganz normale, wenn man nach 18 Monaten in Australien das erste Mal zu einem “Footy” Match geht.

Sport in Australien ist eine komplizierte Sache. Cricket ist hier sehr wichtig. Es gibt eine nationale Fußballliga, die keinen ganz schlechten Ruf hat und wo gerade ein deutscher Spieler (die ehemalige große Hoffnung Thomas Broich) zum zweiten Mal in Folge als bester Spieler ausgezeichnet wurde. Dann gibt es zwei Rugby-Varianten, Union und League, durch die ich ehrlich gesagt beide nicht durchblicke. (Ist ja auch kein deutscher Sport, dieses Rugby. Was auch immer das über uns als Nation sagen mag.) Rugby ist populär in Queensland und New South Wales, aber hier in Victoria hält man da nicht viel von. Der Sport schlechthin hier ist eben dieses “Footy”, dieses “Football”, offiziell “Australian Rules Football” genannt.

Es gibt eine Liga, die hier den Winter über spielt und an deren Saisonende es einen nationalen Meister gibt. In dieser Liga spielen 18 Vereine, von denen mehr als die Hälfte aus Melbourne kommt. Carlton, Collingwood, Richmond, St. Kilda sind nicht nur Stadteile, sondern eben auch Teams. Und die Begeisterung für diese hier ist unerreicht. Die Spiele werden entweder im Etihad Stadium, wo ich am Freitag war, ausgetragen oder im MCG, im Melbourne Cricket Ground, und dessen 100.000 Plätze werden bei den Lokal-Derbys schon mal gefüllt. Von Meisterschaftsendspielen ganz zu schweigen. Welches Team man unterstützt ist hier in Melbourne fast so wichtig wie die Vereinszugehörigkeit unter halbstarken deutschen Jugendlichen – Schalke forever und so.

Und weil dieser Sport also hier so eine Institution ist, gehört es im Melbourne Metro YHA, dem Hostel wo ich arbeite, auch zu den winterlichen Wochenendeaktivitäten, eine Gruppe interessierter Ausländer zu einem Spiel zu begleiten. Und brav wie ich bin habe ich natürlich auch angeboten, dies einmal zu machen. Vorher wollte ich aber dann doch einfach mal so ein Spiel sehen, um wenigstens eine Idee von dem Sport zu haben. Mark, der das alles organisiert, meinte zwar, die “Backpacker wissen eh nicht, worum es geht, Du kannst ihnen also alles erzählen”, aber ein gewisses Grundverstädnis wollte ich dann also doch haben.

Und so bin ich dann Freitag mit Mark und Khy, zweien der Rezeptionisten, sowie weiteren Freunden von ihnen zu meinem ersten Footy-Spiel gezogen. Western Bulldogs gegen Collingwood, einen erfolgreichen Arbeiterverein, den zu hassen mir sofort aufgetragen wurde. Die beiden haben zwar auch nicht viel für die Bulldogs übrig, sind vielmehr Essendon-Unterstützer, aber Collingwood ist wohl so eine Art FC Bayern München dieses Sports – Haß oder Liebe, etwas dazwischen gibt es nicht. Damit konnte ich mich natürlich gleich anfreunden, auch wenn ich noch kein Team gefunden habe, dem ich die nächsten zwei Monate mein Herz schenken werde. Vielleicht North Melbourne, wenn ich da schon lebe und arbeite?

Das Spiel selber war dann – nun, das ist schwer zu sagen. Es ist zugleich unglaublich einfach und wahnsinnig kompliziert. Die Hälfte der Zeit hatte ich keine Ahnung, warum gerade abgepfiffen wurde oder wo der Ball (bzw. das Ei) gerade genau ist. Und wieso da nicht nur die blauen Bulldogs und die schwarz-weißen Magpies aus Collingwood und die gelb gekleideten Schiedsrichter, sondern auch noch welche in orangenen Trikots auf dem übrigens runden bzw. ovalen Spielfeld waren. Und meine Nachfragen konnten auch vom selbst erklärten Experten Mark nicht so recht beantwortet werden. Aber es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, auch wenn das Spiel nie wirklich spannend wurde und ich einige Dinge bis zum Ende nicht verstanden habe.  Es ging wohl eher darum, mit Freunden etwas zu unternehmen und ein paar Bier zu trinken. Die Atmosphäre im mit 38.000 Besuchern gerade halbvollen Stadion konnte jedenfalls nicht mit der Bundesliga mithalten.

Ich habe auch ein paar Fotos gemacht, aber von den ganz billigen Plätzen (und mit ganz billiger Kamera) sind die wohl nicht so wirklich aussagekräftig. Trotzdem mal zwei um einen visuellen Eindruck zu vermitteln:

Hier lässt sich die komische Form des Spielfelds etwas erahnen. Und auch, dass es auf jeder Seite vier Torpfosten gibt. Wird der Ball durch die beiden mittleren gekickt, gibt es sechs Punkte. Geht er durch die äußeren, nur einen.

Zu diesem Zeitpunkt war das Spiel noch sehr ausgeglichen und die Western Bulldogs hatten nur drei Punkte Rückstand. Dies war am Ende des dritten Viertels und trotz des offenen Ergebnis wurde es nie spannend. Wir hatten alle den Eindruck, dass Collingwood einfach nur mal zehn Minuten konzentriert spielen müsste um sicher davon zu ziehen. Und so kam es dann auch, am Ende stand es 98:77. Und ich war natürlich entsprechend enttäuscht, vor allem da es auch ein Heimspiel der Bulldogs war. Wovon man allerdings wenig gemerkt hat, da von beiden Teams gleich viele Fans da waren und diese auch wild gemischt saßen. Wirklich Atmosphäre stelle ich mir dann doch etwas anders vor.

Das Fazit also: es war ein netter Abend und eine gute Gelegenheit, mal etwas mit meinen werten Arbeitskollegen, die ich sonst nur bei der Schichtübergabe sehe, zu machen. Der Sport ist aber einfach nur komisch – ein bisschen wie Rugby, nur ohne jede Finesse. Ich würde es ja gerne ein bisschen erklären, aber irgendwie will es mir nicht so recht gelingen. Vielleicht nach dem nächsten Mal, wenn ich mit ein paar Hostel-Gästen bei einem Spiel war und meine Regelerklärkünste etwas geübter sind. Muss mir nur noch ein Spiel ausschen. Und hoffen, dass jemand es sich antun will.

Achso, die Jungs in den orangenen Trikots sind übrigens “runner”, die Nachrichten vom Trainer an die Spieler übermitteln. Es darf immer nur einer von denen pro Team auf dem Spielfeld sein und muss sich aus dem normalen Spielgeschehen raushalten. Meine Überlegung, dass dieser doch auch dem gegnerischen Team (natürlich falsche) Instruktionen geben könnte, wurde von den Australiern rundheraus abgetan. Offensichtlich wäre das kein Fairplay, während Tritte in die Magengegend absolut in Ordnung sind. Was das wohl über die Australier sagt?

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One Response to “Australischer Fußball”

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