Ein Dilemma

Seit etwas mehr als vier Wochen arbeite ich jetzt als “night supervisor” in Melbourne im Hostel. Und da mein Vertrag auf sechs Wochen ausgelegt war, stehe ich jetzt vor der schweren Frage, wie es weitergeht. Heute morgen haben sie mir eine Verlängerung des Vertrags angeboten – noch einmal sechs Wochen. Und seitdem, schlafend und wach, überlege ich, ob ich das Angebot annehmen soll.

Positiv ist natürlich, dass ich hier in so kurzer Zeit einen so guten Eindruck hinterlassen habe, dass sie mich gerne weiter beschäftigen würden. Einer der Manager sagte mir heute sogar, wenn er eine Festanstellung zu vergeben hätte, würde er mir diese sofort anbieten. Und wenn ich noch sechs Wochen länger hier arbeite, kann ich natürlich auch noch gutes Geld sparen, um in Anschluss noch einmal eine große Abschiedsreise durch Australien zu machen. Die Westküste winkt und lockt.

Aber andererseits ist es einfach so, dass mich die Nachtarbeit langsam aber sicher fertig macht. Mit noch einem Nebenjob, den ich mehr schlecht als recht erfülle, bleibt von einem normalen Leben nichts mehr übrig. Ich schlafe den halben Tag und bin trotzdem konstant müde. Ich habe zwar bei der Arbeit ab und zu auch Kundenkontakt, aber trotzdem ist es durch den verschobenen Rythmus ein sehr isoliertes Leben. Ich würde gerne hier weiter arbeiten, nur eben nicht (ausschließlich) nachts. Das habe ich auch mehrfach gesagt, aber das ist leider ein Wunsch, der unerfüllt bleiben wird. Eine Tagesschicht alle zwei Wochen haben sie mir angeboten – nicht unbedingt eine große Hilfe.

Wenn die Arbeit wenigstens fordernd wäre, wäre es noch einmal etwas anderes. Aber die Hauptsaison ist vorbei und an den meisten Tagen ist es so ruhig, dass ich spätestens um 3 mit allen Aufgaben fertig bin und mich dann nur noch langweile. Klar, ich kann mich beschäftigen, aber mit den neuerdings eingeschränkten Internetnutzungsrechten – keine Blogs mehr, keine social media sites (facebook etc.), keine E-Mails – läuft es meist darauf hinaus, dass ich lese. Natürlich gibt es Schlimmeres als dafür bezahlt zu werden, dass man etwas macht, was man gerne macht, aber es widerspricht doch ein bisschen meinem Selbstverständnis, meiner Vorstellung von “Arbeit”.

Im Gespräch heute morgen wurde mir gesagt, dass es ihnen gut gefällt, wie aufmerksam ich bin und immer auf Fehler und Probleme hinweise. Und mir wurde gesagt, wenn ich irgendwelche Prozesse oder so verändern wollte, sollte ich das ruhig machen. Ich glaube nicht, dass ihnen klar war, was sie damit losgetreten haben. Mit drei freien Stunden jede Nacht kann ich in der Hinsicht sicherlich mehr machen, als sinnvoll wäre. Aber eigentlich sind das alles Aufgaben des Managements und so ganz in Ordnung fühlt es sich dann auch nicht an, wenn ich da beispielsweise die gesamte Dokumentation überarbeite. Ich werde es trotzdem später anfangen, bevor ich vor Langeweile eingehe.

Und mich dann auch entscheiden müssen, ob ich das Angebot der Vertragsverlängerung annehme. Es ist eine schwierige Entscheidung, mit Vor- und Nachteilen auf beiden Seiten. Was noch dazu kommt ist, dass sie mir keine kostenlose Unterbringung mehr anbieten. Das hat auch Vorteile: zurzeit verbringe ich ja fast 24 Stunden am Tag in diesem Gebäude und etwas rauszukommen würde sicherlich nicht schaden. Doch die Nachteile überwiegen. Ich müsste mir binnen zwei Wochen eine neue Unterkunft suchen, dafür eine Menge Geld ausgeben, und dann nach der Arbeit auch noch irgendwie dahin kommen. Dazu kommt, dass es praktisch unmöglich ist, möblierte Zimmer in Stadtnähe zu bezahlbaren Preisen für nur sechs oder acht Wochen zu finden. Ich vermute mal, dass ich, wenn ich in den Verhandlungen darauf dränge, es vielleicht sogar möglich wäre, dass ich doch weiter hier “wohne”, aber ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das überhaupt möchte.

Und so stehe ich jetzt vor dem Dilemma, dass ich nicht weiß, was ich machen soll. Den Vertrag hier verlängern und weiter die Nächte zum Tag machen? Mir einen anderen Job in Melbourne suchen? (Wir wissen ja alle, wie gut das in der Vergangenheit geklappt hat…) Mir eine Wohnung suchen? Und das alles natürlich in den nächsten Tagen während ich arbeiten muss und alles andere noch länger liegenbleibt.

Ich habe mir mal sagen lassen, dass es hilfreich sei, andere Meinungen einzuholen bevor man solche Entscheidungen trifft. (Und darüber zu schlafen, aber das funktioniert eindeutig nur nachts.) Deswegen hier also die eindringliche Bitte um Ratschläge per Kommentar. Oder zumindest die Beantwortung der neuen Umfrage (auf der Startseite rechts zu finden), wo ich die Frage versucht habe, so einfach wie möglich zu stellen. Ich danke schon im Voraus für all die klugen Überlegungen, auf die ich nicht nur wegen Müdigkeit nicht gekommen bin.

Tags: , , , , , , , , ,

5 Responses to “Ein Dilemma”

  1. Claudia sagt:

    DEJA VU … ?
    Ich wusste bisher nichts von Deinem Dilemma (oder Dilemmen? wie ist denn hier die Mehrzahl?). Anyway: unwissend ist meistens besser. Und ich finde, die Antwort ist super klar in Deiner Beschreibung enthalten. Die Aufgabe ist nicht “shall I stay or shall I go”, sondern: triff Entscheidungen.
    Interessanterweise war ich am Wochenende zu einem Seminar “Familien- und Organisationsaufstellungen” und da gab es die tupfengleiche Situation – nur eben in Deutschland und in einem etwas größeren Gesamtzusammenhang.
    Ich wünsch Dir Augen, zu sehen. Und Kraft – sowieso.
    Ganz liebe Grüße von Frau Oberschlau (aber Du hat ja gefragt, dann bekommst Du auch solche Antworten …)

  2. Liebe Claudia,
    vielen Dank für Deinen Kommentar, auch wenn ich mit dem Inhalt nicht so ganz übereinstimme. Als Dejavu würde ich die Situation wahrlich nicht bezeichnen. Geht einfach darum, dass ich bei einer schwierigen Entscheidung gerne mehr als eine Meinung (also meine eigene) hören würde, bevor ich auf jeden Fall eine Entscheidung treffen muss und treffen werde. Wenn es so klar wäre, welche Entscheidung die richtige wäre, hätte ich sicherlich nicht um Hilfe gebeten…

  3. Martin sagt:

    Hey Chrisoph,

    obwohl ich gerade selber am Arbeiten bin, konnte ich nicht umhin auch über dein Dilemma zu grübeln. Da ich mich nicht durchringen konnte eine Voting-Empfehlung ohne Anhang abzugeben, hier dann das ganze in hoffentlich nicht allzu epischer Breite:

    1. Ich würde die Option weiter im Hostel Nachtschichten einzulegen ohne inkludierte Logis nicht in Erwägung ziehen. Das würde ja bedeuten, dass du einen bestimmt nicht zu vernachlässigenden Teil deines Lohns für eine Wohnung/Zimmer ausgeben musst, obwohl du in deiner Freizeit gar nicht so viel davon hast. Denn:
    1.1. bist du von der Arbeit so fertig, dass ein eigenes Zimmer in Melbourne dir in dieser Situation nicht den maximalen Genuss bereiten würde, den es dich kostet dasselbige zu unterhalten.
    1.2. bist du ja jetzt schon recht lang in M. und hast daher bestimmt auch schon viel gesehen

    2.Unter der Prämisse, dass du bei Verlängerung der Nachtschichtanstellung weiterhin umsonst im Hostel wohnen darfst, würde ich folgende Szenarien überlegen, die ich, um keinen Roman zu schreiben, mal schnell durch ein paar “Alorithmen” skizziere:

    - Geld durch Verlängerung der Nachtschit wird dringend benötigt = GNB

    - Ich will unbedingt in Melbourne bleiben (aus welchem Grund auch immer) = IMB

    - Es besteht die Möglichkeit auf eine andere Anstellung bei dem gleichen Hostel = MAH

    1. GNB=ja -> IMB=ja -> MAH=ja —> wunderbar!
    2. GNB=ja -> IMB=ja -> MAH=nein —> In den saueren Apfel beißen und nochmal 6 Wochen Nachteule

    3. GNB=ja -> IMB=nein -> MAH=nein —> 1. Möglichkeit bei einem
    Hostel irgendwo anders zu arbeiten?
    2. Riskio und wo anders auf Jobsuche
    gehen
    3. arbeiten, leiden, sparen und
    danach an die Westküste
    4. Geld reicht erstmal für einige Zeit
    (Richtung Westen und dann mal
    schauen)
    =der politische Weg
    4. GNB=nein -> IMB=ja —————> Genieß das Leben in der Stadt!
    5. GNB=nein -> IMB=nein —————> Pack die Koffer und los!

    Ach hier breche ich den Quatsch mal ab. Irgedwie weiß ich auch nicht so recht. Ich hoffe du bist jetzt nicht noch verwirrter.
    Ich bin es auf jeden Fall gerade. Aber ich weiß aus meinen Tagen (hahaha) als Barkeeper, wie anstrengend es ist die ganze
    Nacht durchzuarbeiten und dann erst morgens um 9 ins Bett zu gehen. Ich denke in einer solchen Situation, die man nicht
    länger durchhalten kann/will und die auch garnicht langfristig zufriedenstellen kann, ist meiner Anischt nach die Entscheidende
    Frage das Geld: Was kann ich mir mit dem Geld danach ermöglichen oder gehts auch ohne?
    Leiden wird man bei so einer Arbeit sowieso. Nur lohnt es sich mit dem Blick auf ein dadurch verfolgtes Ziel?
    Ich bin gespannt und drücke die Daumen!
    Viele Grüße

  4. Martin sagt:

    …und entschuldige mich für die Rechtschreibfehler, die aus dem hektischen Schreiben entstanden sind (aus Angst beim Nicht-Arbeiten erwischt zu werden).

  5. Wow. Vielen Dank Martin! Sehr schön die verschiedenen Dinge auf den Punkt gebracht und das Dilemma bestens dargestellt. Mein Instinkt ist, dass ich das Geld gut gebrauchen kann und deswegen auch weitermachen sollte, aber eben nur mit der kostenlosen Unterkunft. Werde das in den “Verhandlungen” auch so darstellen – wenn ich denn noch mal einen der drei (!) Manager sehe diese Woche…

Leave a Reply