Ein typischer Tag im Januar 2012

Es schleicht sich gerade mal wieder so etwas wie Routine ein. Ein Alltag der es schwierig macht aus diesem auszubrechen und mal etwas Anderes zu machen. Um einen Eindruck davon zu vermitteln was ich gerade so mit meiner Zeit mache, berichte ich einfach mal von einem typischen Tag. Der sich zwar so nie zugetragen hat und wohl auch nie zutragen wird, der aber ein Amalgam der letzten Wochen darstellt und deswegen schon irgendwie repräsentativ ist. Die Chronologie mag nicht so ganz korrekt sein, aber es ist alles wirklich passiert.

6:00 Christophs Wecker klingelt zum ersten Mal. Die Schlummertaste wird gedrückt bevor mehr als drei Gehirnzellen aufgewacht sind.

6:09 Christoph wundert sich darüber, dass sein Wecker klingelt. Und wieso erst um 9 nach 6. Er drückt sicherheitshalber nochmal auf die Schlummertaste.

6:18 Christoph ärgert sich tierisch über den rücksichtslosen Kerl in seinem Sechsbettzimmer dessen Wecker gerade zum dritten Mal klingelt. Er macht den Wecker aus und beschließt aufzustehen.

6:25 In Laufklamotten und mit neu erworbenen Laufschuhen, aber dafür ohne Brille oder Kontaktlinsen verlässt Christoph das Hostel und ignoriert Leute die ihn freundlich grüßen, da er sie nicht erkennt.

6:26 Christoph überquert, gemütlich schlendernd, die Flinders Street.

6:28 Er läuft durch den Batman Park bevor er an der King Street an der Ampel warten muss. Er nutzt die Gelegenheit um die bald überforderte Muskulatur ein wenig zu dehnen.

6:30 Zwischen dem Melbourne Aquarium und dem Yarra River geht es weiter. Aber nur ein Stück bevor die Queensbridge Street überquert werden muss. Dahinter hat er nun endlich freie Bahn und bleibt erstmal stehen um sicherzugehen, dass wirklich alle Muskeln auf die Tortur vorbereitet sind.

ca. 6:42 Nachdem Christoph entlang des Flußes an der Flinders Street Station (mal nach googlen, ist ein sehr schöner Bahnhof), dem Federation Square und der Rod Laver Arena vorbeigelaufen ist überquert er an der Swan Street den Yarra und läuft entlang der King’s Domain vorbei an den eifrig Rudernden.

6:55 Die Runde entlang der South Bank und dann über den King’s Way (kann man alles bei Google Maps nachgucken…) beendet, kommt Christoph halbtot zurück ins Hostel. Irgendjemand hätte ihm mal erklären sollen, dass man nicht immer alles geben muss.

7:30 Frisch geduscht und frisiert (…) sitzt Christoph beim Frühstück. Tee und Toast. Dazu einige Seiten “Infinite Jest” von David Foster Wallace. Körperliche Tortur zum Start des Tages alleine reicht nicht, mentale muss sogleich folgen.

8:00 75 Minuten bis zum Beginn der Arbeit. Zeit genug um Korrespondenz aufzuarbeiten (i.e. seitenlange E-Mails von guten Freunden mit drei kurzen Absätzen beantworten), über potentielle Blog-Posts nachzudenken und sich über das Weltgeschehen zu informieren. Ist der Bundespräsident endlich zurückgetreten? Welcher der verrückten erzkonservativen Republikaner ist aus dem Präsidentschaftskandidatennominierungsrennen ausgestiegen? (Ron Paul wäre ein lustiger Kandidat…) Hat Dirk Nowitzki endlich noch mal gewonnen? Was macht Patrick Rothfuss gerade statt endlich an “The Doors of Stone” zu arbeiten?

9:16 All dies braucht Zeit und somit kommt Christoph eine Minute zu spät zur Arbeit. Es ist ihm sichtlich unangenehm, aber Ana und Vanessa an der Rezeption sehen gelassen darüber hinweg. Wahrscheinlich bemerken sie es noch nicht einmal.

9:30 Vanessa befördert Christoph zum Concierge. Die Arbeit ist die gleiche, aber es klingt besser as “bag boy”.

9:45 Um 10 müssen die Leute aus den Zimmern sein und somit beginnt jetzt der harte Teil der Arbeit. Christoph schafft es meistens nicht zurück zur Rezeption bevor er die nächsten Leute zum Gepäckaufbewahrungsraum begleiten muss.

10:30 Das Schlimmste ist vorbei. Ana macht sich auf den Weg die immer noch verbliebenen Gäste aus den Betten zu werfen und Christoph unterhält sich mit Vanessa über deutsche Popmusik. Wenn sie arbeiten muss, liest er weiter “Infinite Jest”.

10:50 Ein offensichtlicher betrunkener Gast kommt zum vierten Mal um etwas aus seiner Tasche zu holen und reinzustopfen. Angesichts der Tatsache, dass der Gepäckraum randvoll ist droht Christoph kurzzeitig die Geduld zu verlieren.

11:00 Pause! 45 Minuten reichen genau aus um einkaufen zu gehen und dafür zu sorgen, dass man nicht verhungert bei all der harten Arbeit.

11:45 Diesmal pünktlich setzt Christoph die Arbeit fort. Inzwischen sind etliche Leute gekommen die einchecken wollen und noch bis 13:00 Uhr warten müssen. Der schon überfüllte Raum gibt nichts mehr her und somit darf Christoph den “Notfall”-Raum nutzen – oder wie er im Fachjargon heißt “One Oh Six”.

12:04 Vanessa und Ana unterhalten sich über die Attraktivität ihrer männlichen Kollegen. Christoph gibt vor, auf sein Buch konzentriert zu sein.

12:22 Da die drei deutschen Mädels die gerade angekommen sind immer noch nicht verstanden haben, was es mit den “luggage tags” auf sich hat und wie sie diese benutzen sollen, erklärt Christoph es geduldig auf Deutsch. Normalerweise macht er das nicht. Es ist viel zu unterhaltsam den Leuten zuzuhören wenn sie nicht wissen, dass man sie versteht.

12:48 Langsam wird es wieder etwas stressiger. Die Zimmer sind alle geputzt, die Betten frisch bezogen und die Leute kommen um einzuchecken. Christoph läuft zu beiden Gepäckräumen und fragt sich ob er es heute mal schafft, nicht länger zu “arbeiten”.

12:56 Ana tut alles dafür, dass Christoph pünktlich um 13:00 sich ins Buch eingetragen hat und gehen kann, aber Vanessa hat andere Pläne und schickt ihn noch einmal zum Gepäckraum.

13:07 Und dieser Ausflug dauerte länger, weil die Leute einfach nicht begreifen, wie rücksichtslos es ist, wenn sie ihre Tasche umpacken, während Christoph die Tür offenhält.

13:15 Zum Mittagessen gibt es ein Sandwich und zwei Äpfel – zur Unterhaltung liest Christoph weiter in Infinite Jest und sucht verzweifelt nach einem Absatz, damit er aufhören kann.

13:27 Christoph liest immer noch.

13:33 Christoph hört schließlich mitten im Satz auf. Bei diesem Buch hat man keine andere Wahl. Er packt im Eilverfahren seinen Computer ein und macht sich auf den Weg zur Bibliothek. Unterwegs hört er “The Wise Man’s Fear”, sehr willkommene Abwechslung von David Foster Wallace.

13:55 Christoph kommt so gerade rechtzeitig in die State Library of Victoria um pünktlich mit seiner Arbeit als “Marketing & Communications Assistant” anzufangen.

14:01 Christoph ruft seine Chefin an um zu klären was heute zu machen sei.

16:17 Twitter für die nächste Woche ist eingerichtet. Ein Blog-Post über die perfekte Definition von Entrepreneurship ist geschrieben. Christoph bastelt an einer Zeitungsanzeige, was angesichts eines kleinen, langsamen Computers auf dem gerade mal so OpenOffice läuft sehr mühsam ist.

16:30 Christoph versucht zum achten Mal den Menschen anzurufen, den er für den vierteljährlichen AASSP-Newsletter interviewen soll. Er erreicht ihn endlich und erfährt dann, dass dieser die Fragen lieber schriftlich beantworten will.

18:00 Mit der Arbeit fertig schreibt Christoph noch schnell eine E-Mail. Und natürlich keine Minute früher.

18:30 Christoph kocht Nudeln zum Abendessen. Währenddessen liest er, wer hätte es gedacht, Infinite Jest.

19:00 Nach dem Essen ist Christoph mit Lea und Karoline auf dem Weg zu Aman um dort Maud und Nathan zu treffen und dann in den Pool zu springen. Bei Temperaturen von weit über 30° eine sehr willkommene Erfrischung.

20:25 Ordentlich aufgeweicht sammeln sich alle bei Aman, der unbedingt einen Horrorfilm gucken will. Der Rest rebelliert. Es wird lange diskutiert, während im Hintergrund Tennis läuft.

21:35 Die versammelte Gruppe geht zu einer Party bei Paul, Belinda und Jemma, die im gleichen Apartment-Haus wie Aman wohnen und einen riesigen Balkon haben. Christoph ist sehr froh, dass niemand aus Bendigo dort ist.

00:45 Von der Party gelangweilt läuft Christoph allein zurück ins Hostel. Er ist nicht mehr ganz nüchtern, ruft aber trotzdem seine Mutter an um über die bevorstehende Reise zu sprechen.

1:00 Zurück im Hostel will Christoph eigentlich einfach nur ins Bett, lässt sich dafür aber sehr leicht von Alex überzeugen mit ihr und Dave, einem der Rezeptionisten, sowie zwei weiteren Australiern, noch nach Fitzroy zu fahren.

1:37 Christoph braucht ungefähr drei Minuten um festzustellen, dass der Club in Fitzroy ihm nicht gefällt. Aber die anderen sind glücklich und so macht er das Beste daraus, trinkt noch ein Bier und feiert mit.

3:00 Pünktlich um 3 macht der Laden zu, aber die Jungs aus Melbourne müssen wo man um die Zeit noch hingehen kann und so geht es wieder mit dem Taxi ins Pony.

3:13 Hier gefällt es Christoph deutlich besser. Die Musik ist besser. Die Leute nicht ganz so betrunken. Und man kann atmen. Außerdem ist es näher am Hostel und Christoph weiß, dass er von hier aus gut alleine zurücklaufen kann.

4:30 Muss er aber nicht. Gemeinsam mit Alex macht er sich auf den Rückweg. Eine für die Stunde lebhafte Unterhaltung über diverse abstruse Themen begleitet die beiden nach Hause.

5:15 Christoph fällt ins Bett und beschließt, morgen mal nicht joggen zu gehen.

Ich habe diesen Eintrag vor sechs Tagen angefangen zu schreiben. Ich hatte eigentlich nicht geplant, so lange dafür zu brauchen, insbesondere angesichts der Tatsache, dass meine Grundbegeisterung für das Konzept zum Ende hin etwas abgenommen hat. Ich glaube, man merkt es. Ich hoffe, dass es trotzdem unterhaltsam zu lesen war. Bald auch mal wieder etwas Konkretes über die Vergangenheit, Gegenwart und zukünftige Planung. Naht der Abschied aus Melbourne? Wie verarbeitet Christoph die Abreise seiner besten und ältesten Freunde, Nathan und Maud aus Kanada? Und was macht er eigentlich die ganze Zeit, wenn er nicht arbeitet?

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One Response to “Ein typischer Tag im Januar 2012”

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