Ein anderes Leben – ein historisch-melancholischer Einwurf

Schau mal nach rechts. Nein, etwas weiter unten. Nicht bei “Pages”, noch weiter unten. Da wo die “Categories” aufgelistet sind. Australien hat inzwischen 102 Einträge. Etwas weiter unten ist “Movies” zu finden. Mit 627 Einträgen. Ganz schön viele. 627 Mal habe ich etwas geschrieben, was mit Filmen zu tun hatte. Hauptsächlich Filmkritiken. 586 um genau zu sein. Der letzte wurde vor fast 14 Monaten veröffentlicht, eine Woche bevor ich nach Australien aufgebrochen bin. Relikt eines anderen Lebens.

Ich habe diese fast 600 Filmkritiken in ziemlich genau drei Jahren geschrieben. Von einer fünfmonaten Pause abgesehen mit schöner Regelmäßigkeit über jeden Film geschrieben, den ich gesehen habe. Zwei Mal sogar in der Form bilingualer Adventskalender (dafür etwas weiter oben bei “Pages” schauen…). Ich erwähne diese letztlich bedeutungslosen Zahlen weil sie deutlich machen, wie fanatisch, ja fast obsessiv ich allem gefolgt bin, was mit Filmen zu tun hatte. Mindestens 200 Filme im Jahr gesehen. Darunter oft 50 Kinobesuche. Und tägliches mehrstündiges Studieren aller relevanten Neuigkeiten. Ich wusste Monate, manchmal Jahre, vorher, welche Filme man sehen musste, welche gut sein sollten, wer was machte. Es war mehr als ein Zeitvertreib oder ein Hobby. Es war Lebensmittelpunkt.

Dies war in einer Zeit in der es mir mental-emotional nicht sonderlich gut ging. Wahrscheinlich insgesamt schlechter als jetzt selbst an den dunkelsten Tagen. Es war der vollkommene Rückzug in eine andere Welt beim Versuch der eigenen Realität zu entkommen. Verbunden mit geistiger und sozialer Isolation die erschreckende Ausnahmen angenommen hat. Bis meine lieben Eltern mich dann irgendwann aus dem gemütlichen Schneckenhaus, das ich mir eingerichtet hatte, rausgeschmissen haben. Die beste Sache, die mir passieren konnte, denn alleine hätte ich es wahrscheinlich niemals daraus geschafft.

Und dann das totale Kontrastprogramm. In den ersten 11 Monaten meines Australienaufenthalts, selbst bei meinem Deutschland-Besuch zwischendurch, war ich nicht einmal im Kino. Habe oft monatelang keinen einzigen Film gesehen. Erst hier in Melbourne bin ich wieder ins Kino gegangen und habe an den dunkelsten November-Tagen (ähnlich wie im Februar als ich mit gebrochenem Fuß in Hobart festhing) Filme auf meinem Computer gesehen. Vielleicht hat dies auch zu meinem Stimmungstief (vergleiche die aktuellsten fünf oder so Einträge) beigetragen. Ich weiß es nicht. Ich hoffe es nicht. Obsession ist nicht gut, aber sich völlig von etwas zu distanzieren, was einem so viel bedeutet (hat) kann doch auch nicht richtig sein.

Ich habe heute Nachmittag auf der einzig verbliebenen Popkultur-Seite meiner (fast) täglichen Internet-Nachrichten-Informationssammlung die Auflistung der nach Ansicht der Redakteure besten Filme des Jahres gelesen. Mit großem Interesse. Aber auch mit großer Distanz. Ich habe von den Top 15 Filmen von drei etwas gehört oder gelesen. Gesehen habe ich keinen von ihnen. Und plötzlich wuchs meine Sehnsucht nach einem Leben, das vielleicht nicht gut war, aber was ich trotzdem manchmal vermisse. Und es hat mich zu diesen Betrachtungen veranlasst. Es ist wahrscheinlich als Fortschritt zu sehen, dass ich darüber geschrieben habe statt hinzugehen und mir auf dem Hostel-Bett liegend einen Film “reinzuziehen”.

Als ich vor nunmehr anderthalb Jahren in stationärer psychologischer Behandlung war bin ich oft gefragt wurden und habe es mich auch selber oft gefragt, ob ich “süchtig” nach Filmen sei. Filmoholic sozusagen. Ich glaube, die Tatsache, dass ich ohne größere Probleme auf sie verzichten konnte, von jetzt auf gleich, und ich auch in der Lage bin, sie in Maßen zu genießen – hier mal ein Kinobesuch, da mal eine DVD – ohne das es Rückfälle in süchtige Verhaltensweisen gibt, beweist, dass dies nicht der Fall ist. Aber trotzdem ist es ein bisschen so wie ein ungestilltes Verlangen, dass jeder ehemals Abhängige kennt und das einen immer begleitet.

So wie heute Nachmittag, als ich nichts lieber gemacht hätte, als all diese grandios klingenden Filme direkt zu sehen. Gut, dass sie nicht so leicht verfügbar waren. Und gut, dass ich stattdessen andere Dinge gemacht habe. So sehr ich mein altes Leben manchmal vermisse, das neue ist schon besser. Wie mir vor meinem Neubeginn eine Freundin sagte: “Christoph, es wird bestimmt nicht einfacher, aber dafür auch interessanter.” Sie hatte offensichtlich genausowie ich den Film des Jahres nicht gesehen.

Darüber, dass es mich eben traurig gemacht hat, über die besten Filme des Jahres 2011 zu lesen und keinen davon zu kennen.

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3 Responses to “Ein anderes Leben – ein historisch-melancholischer Einwurf”

  1. Jonas sagt:

    Wenn du den Link posten würdest, würde ich dir zum Vergleich sagen wie viele der Filme ich kenne und gesehen habe!

  2. Aber gerne doch:
    http://www.avclub.com/articles/best-films-of-2011,66423/
    Allerdings ist Vorsicht geboten, die Seite kann süchtig machen!

  3. Jonas sagt:

    Ok, ich habe keinen gesehen und von einem gehört!
    Du bist also immer noch besser informiert als ich!

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