Zu kurze Haare

Als ich mir vor kurzem die Haare ganz kurz habe schneiden lassen, hatte das gute Gründe: Der Friseurbesuch war überfällig, da mein wallendes Haupthaar mehr an eine unzähmbare Mähne erinnerte als an irgendetwas, was ein Mann auf dem Kopf tragen sollte. Längere Haare können zwar auch sehr adrett aussehen, bedeuten aber auch immer Arbeit. Wenn die Haare hingegen schön kurz sind, hat dies nahezu ungezählte Vorteile. Eine schnellere Morgentoilette. Komplimente hübscher Frauen. Nie wieder Probleme mit vom Wind zerzausten Haaren. Was ich allerdings nicht bedacht habe, ist die Symbolwirkung. Denn jeder der schon mal versucht hat, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, kann sich vorstellen, wie viel schwerer diese sowieso schon nicht ganz einfache Aufgabe wird, wenn man sich an wenigen Millimeter kurzen Haaren festzukrallen versucht.

Ich hätte so gerne davon geschrieben, dass es in den letzten Tagen voranging mit meiner Wanderung aus dem tiefen Loch der Depression. Ich hätte so gerne von den kleinen, aber entscheidenden Fortschritten erzählt. Ich hätte so gerne die neuen Bekanntschaften und Stimmungsverbesserungen erwähnt. Und nichts wird mich davon abhalten, dies irgendwo in diesem Beitrag auch zu tun. Aber leider ist der Weg aus dem Sumpf nicht einfach. Ich habe wirklich geglaubt, ich hätte es geschafft, mit heldenhaftem Zugreifen die kurzen Stoppel auf meinem Kopf fest in die Hand zu nehmen und mit aller Macht daran zu ziehen. Und es ging auch ach so gut. Aber Finger, die etwas krampfhaft festzuhalten versuchen, nun, verkrampfen. Und so entgleitet einem das schon sicher geglaubte Haar doch wieder und ehe man sich versieht, versinkt man tiefer im Sumpf des Selbstmitleids. Und alles nur, weil genau das eingetreten ist, was zu erwarten war, wo man naiv an einen anderen Ausgang geglaubt hat.

In den netten und aufbauenden und gut gemeinten Kommentaren zu meiner vorletzten Selbstoffenbarung (siehe hier) schrieb Jonas, dass bei der Gehirnwäsche im Rheingau mein Selbstbewusstsein wohl einen ziemlich Schaden genommen hätte (bzw. das ist das, was ich da rausgelesen habe). Aber das ist genau nicht der Fall. Mein Selbstbewusstsein ist intakt und gesund und bestens. Ich weiß, dass ich der Tollste, Größte und Beste bin. Ich weiß, dass es Dinge gibt, wo mir wenige das Wasser reichen können. Ich weiß, dass mir unendlich viel unendlich leicht fällt. Das Problem ist nicht das Selbstbewusstsein, es ist das Selbstwertgefühl. Verwandt, aber nicht identisch. Ohne Selbstbewusstsein lässt sich vieles erreichen. Ohne Selbstwertgefühl wird es nie genug und nie das Richtige sein.

Aber der Reihe nach. Nach meinem letzten Eintrag, über die Brüchigkeit von den Strohhalmen, an die man sich wie an jeden letzten kleinen Funken Hoffnung klammert, und der „einfach nur traurig“ war, habe ich weitergemacht wie bisher. Mit anderen Worten, ich habe alles versucht, um mich aus dem Loch herauszukämpfen, um Mittel und Wege zu finden, endlich das sehnsüchtigst Erwartete und Erhoffte zu erreichen – nicht als ein bisschen Normalität.

Wir sind so daran gewöhnt, alles normale als ordinär abzutun. Wir sehen jedes Abweichen von der Norm als Individualität. Normal ist langweilig und es gibt wohl nichts was wichtiger ist, als anders zu sein. Seinen eigenen Weg zu gehen und nicht die ausgetretenen Pfade der Massen. Normalität als hehres Ziel – das passt nicht zusammen. Oder zumindest nicht bis man bedenkt, wie angenehm, wie sicher, wie einfach es ist, normal zu sein. Das zu machen, was alle machen. Das zu tun, was erwartet wird. Seinen Lebensweg vorgezeichnet zu wissen. Natürlich nicht in jedem Detail, aber genug, dass man niemals wirklich auffällt. Ich rede natürlich nicht davon, dass man nicht seine eigenen Ziele verfolgen sollte. Dass man nicht das machen sollte, was man will. Aber halt bitte alles in Maßen. Jeder, der „normale“ Menschen nicht versteht, nicht begreifen kann, wie diese das Leben so problemlos angehen können, weiß, was ich meine. Wer nicht den Nachteil dieser Sichtweise hat, wird mit meinen erbärmlichen Erklärungsversuchen Probleme haben, wird nicht verstehen, worauf ich hinauswill. Denn es ist einfach so, dass man manche Sachen erleben muss, um sie zu verstehen. Und genau so ist es auch eine unverrückbare Wahrheit, dass es Dinge gibt, die man definitiv nicht erleben muss und die zu durchleben man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde.

Ich glaube ich schreibe all diese psychologischen Einwürfe nur, um nicht darüber zu schreiben, was ich die letzten Tage gemacht habe und wie es mir ergangen ist. Feigheit? Oder Unvermögen? Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.

Also: auf der Suche nach ein bisschen Normalität, und natürlich auch nach dem, was ich im Vorfeld meiner Reise nach Australien immer als Lebensfreude bezeichnet habe. Denn dies ist wohl das alles Entscheidende, das zentrale Thema, der Grund und Sinn dieses ganzen Unterfangens. Solange man das Leben nicht als lebenswert empfindet ist es nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich, sich den Herausforderungen und den unangenehmen Aspekten zu stellen. Wobei der Eindruck, dass etwas es wert ist, die Schwierigkeiten auf sich zu nehmen und zu meistern, wenig damit zu tun hat, ob die Dinge es wirklich wert sind. Es gibt unendlich viel in meinem Leben, was dieses absolut lebenswert macht – nur reicht es eben nicht, dies zu wissen, sondern man muss es auch fühlen.

Also die Suche nach Lebensfreunde und Gefühlen, nach etwas, was einen zynisch veranlagten Menschen dessen Herz in Eiseskälte gefangen ist, davon überzeugen kann, dass es auch einfach mal Spaß machen kann, dass man sich an den kleinen wie großen Dingen freuen kann. Diese Suche hat erstaunlich oft erstaunlich gut funktioniert – aber eben immer nur sehr temporär. Und deswegen war dies auch das, worauf ich mich erstmal konzentrieren wollte, bevor ich hingehe und mich wieder den unangenehmen Dingen wie der elenden Jobsuche und allem, was damit verbunden ist, widme.

Ich habe also versucht, Melbourne auszunutzen. Zu missbrauchen auf der Suche nach Glück, Freude und Zufriedenheit. Ich bin kontinuierlich über meinen Schatten gesprungen und habe alles getan, was ich konnte, um mich aus dem Loch rauszuarbeiten und ganz einfach ein bisschen Spaß zu haben. Und Freitag schien mir das Glück dann endlich mal hold – und nicht zuletzt dank meiner „bag boy“ Tätigkeit.

Begeistert begrüßt von einer Gruppe 18-jähriger „schoolies“, die gerade ihr australisches Äquivalent der Abi-Fahrt machten. Kombiniert mit vier Jungs aus Sydney, die als Freunde eine letzte gemeinsame Reise machten, bevor sich zwei von ihnen auf eine zehnmonatige Weltreise verabschiedeten. Und ganz unerwartet und unerklärlich schienen alle an mir interessiert, unterhielten mich und sich mit mir. Ich habe meine ungeschriebenen Regeln, was zu persönlich ist für diesen Blog schon oft gebrochen, aber manchmal komme ich dann doch an einen Punkt, wo ich das bereits Geschriebene noch einmal überdenke und dann doch für zu persönlich halte. Lasst mich also zusammenfassen, dass es ein guter Abend war, an dem ich es zumindest zwischendurch immer mal wieder geschafft habe, zu vergessen, wer ich bin.

Samstag Morgen dann zu arbeiten war verkatert und übermüdet etwas mühsam, aber meine gute Stimmung hatte nur einen kleinen Dämpfer erhalten und somit beschloss ich, diese Sache mit dem „Leben“ einfach mal weiter zu versuchen. Ich bin mittags nach Brighton Beach gefahren, dort an der Küste langgelaufen, und habe es einfach nur genossen, an diesem mir fremden, aber wunderschönen Ort zu sein. Leider haben sich allerdings die Wolken, die bei meinem Aufbruch die Sonne verdeckten, schnell verzogen und ich bin wohl vier Stunden durch den Sonnenschein gewandert. Meine Arme und mein Gesicht als knallrot zu bezeichnen wäre eine nette Untertreibung. Aber selbst dies, verbunden mit nicht unerheblichen Schmerzen, konnte meiner Stimmung noch keinen rechten Dämpfer versetzen.

Für den Abend war dann lose geplant, mit den „schoolies“ und ein paar weiteren Deutschen, darunter einen, den ich schon eine Weile kenne, wegzugehen. Aber außer den vier Freunden aus Sydney habe ich gestern niemanden im Hostel finden können – trotz Suchen und sogar einem todesmutigen Versuch, den einen Deutschen anzurufen. Und so sank meine Stimmung dann doch sehr schnell. Immer noch übermüdet habe ich einige langweilige, aber trotzdem unterhaltsame Stunden mit den künftigen Weltreisenden verbracht und mich dann früh ins Bett verabschiedet.

Habt Ihr schon mal versucht, mit richtigem Sonnenbrand zu schlafen? Es ist fast unmöglich. Ein ständiges Hin und Her zwischen zu heiß und zu kalt. Haut, die spannt. Laken, die kratzen. Es ist kein Vergnügen und somit bin ich heute morgen nicht gerade glücklich viel zu früh aufgewacht und konnte auch nicht mehr einschlafen, so dass ich auch jetzt wieder todmüde bin.

Und meine Stimmung hat Tiefen erreicht, die selbst für chronisch depressive Menschen nicht zum Alltag gehören. Ich weiß nicht warum. Es gibt keinen klaren Grund dafür. Es ist eine Ansammlung von Kleinigkeiten, die einen nicht aus der Ruhe bringen sollten, die aber für mich unüberwindbare Schwierigkeiten darstellen. Ich wünschte, ich könnte etwas dagegen machen. Wenn es mir schwer fällt, zu den Leuten, die ihre Taschen einschließen, freundlich zu sein, kann irgendetwas nicht stimmen. Und nicht nur, weil jeder mich fragt, ob ich gestern zu viel Sonne abbekommen hätte.

Es ist unglaublich frustrierend, wenn man so sehr kämpft um sich aus dem Sumpf zu ziehen um dann fast ohne eigenes Zutun den Halt im Haar zu verlieren und noch viel tiefer im Morast zu versinken. Es ist schmerzhaft wenn man alles tut, um jemand anderes, jemand ganz normales, zu sein, und dann doch wieder an den eigenen Ecken und Kanten hängenbleibt.

Und was macht man dann? Beziehungsweise was mache ich, um genau zu sein? Ich greife mit aller Macht in meine Haare und reiße daran. In meiner Pause bin ich im T-Shirt durch die stürmische Stadt gelaufen und habe einen guten Teil des Frustes abgebaut. Und nach der Arbeit habe ich angefangen, dies zu schreiben. Und wenn der Zorn auf mich selber erst ein wenig verraucht ist oder zumindest die scharfe Klinge nicht mehr ganz so beißt, nehme ich ganz vorsichtig meine kurzen Haare in die Hand und versuche wieder, mich daran aus dem Sumpf zu ziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie lang genug sind, dass ich mich daran tragen kann. Und bis dahin werde ich halt noch das ein oder andere Mal im Schlamm landen und das Leben verfluchen. Aber wenn es weiter nichts ist.

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6 Responses to “Zu kurze Haare”

  1. Jonas sagt:

    Klingt doch nach einer super Zeit! ;)
    Viele würden dich dafür bestimmt beneiden. Zuviel Alkohol und zu viel Sonne, Millionen Ballermann Urlauber können nicht irren!
    Irgendwie fehlt dir bloß die geistige Einstellung dazu, die Schmerzen als Trophäe der guten Zeit zu sehen.

  2. Zuviel Alkohol? Also da hast Du aber etwas reingelesen, was ich so nicht geschrieben habe… ;-)

  3. Jonas sagt:

    Entschuldige, aus der Perspektive meines Lebens der Entsagungen ist jeglicher Alkohol zu viel. Andere wiederum würden behaupten zuviel Alkohol gäbe es nicht, nur zu schwache Körper

  4. Mein Freund, ich kann gar nicht ausdrücken wie betroffen es mich macht, dass Du ein Leben der Entsagungen führst! Hat Dir denn nie jemand gesagt, dass alles in Maßen sinnvoll ist?

  5. Jonas sagt:

    Auch Ironie?! ;)

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