Baby Steps – Ganz kleine Schritte

Das Leben ist auf unendlich viele Arten beschrieben worden. Mal pragmatisch, mal lyrisch. Mal zynisch, mal voller Herzblut. Es gibt tausende Metaphern, die alle irgendetwas Wahres haben, aber auch alle daran scheitern, dieses große Ganze, dieses zugleich unbedeutend Kleine und Allumfassende, adäquat zu beschreiben. Trotzdem helfen sie, das Leben verständlich und greifbar zu machen. Und für mich persönlich kommt dabei keine der Wahrheit so nahe wie die Beschreibung des Lebens als Weg, denn man gehen muss. Der Lebensweg, sozusagen, auf dem man mal mit großen Schritten voranstürmt, mal Umwege macht, sich immer verirrt, der breit und flach und leicht zu gehen sein kann, aber oft auch nur ein schmaler Pfad durchs Dickicht ist, auf dem jeder Schritt ein Kampf ist.

Hier also, für all diejenigen, die sich über die wenig persönliche Natur dieser Berichterstattung beschwert haben, ein kleiner Einblick auf meinen Lebensweg, und was für Schritte ich darauf so mache und zu machen gedenke.

Ich bitte um Verzeihung, wenn die nun folgenden Ausführungen chaotisch, unsortiert und schlecht formuliert den geneigten Leser mehr beleidigen als informieren. Wie immer schreibe ich ohne Konzept einfach herunter und weiß auch schon jetzt, dass ich es nicht Korrektur lesen werde oder womöglich sogar noch mal überarbeitete. Gedanken sind wirr und somit wird es dieser Text auch werden. Auch habe ich noch keine Idee, was hier in hoffentlich spätestens einer Stunde stehen wird. Wie schon erwähnt, es ist wohl hauptsächlich für die Kritiker meiner überaus objektiven Berichterstattung über mein Leben gedacht – und ganz sicher in allererster Linie auch für mich selber.

Da ich davon ausgehe, dass diejenigen, die jetzt immer noch lesen, obwohl ich schon 250 Wörter geschrieben habe, ohne das Geringste zu sagen, mich sehr gut kennen, kann ich mir die Vorgeschichte wohl sparen. Aber der Vollständigkeit halber hier eine kurze Zusammenfassung:

Als ich vor nunmehr dreizehn Monaten mein liebendes Elternhaus im zarten Alter von 26 Jahren endlich verlassen habe, um mich im fernen Australien dem Leben zu stellen, hatte ich schon einen recht abwechslungsreichen Weg hinter mir, einen Weg der mich von den höchsten Höhen bis zu den tiefsten Tiefen gebracht hatte. Aus der Bilderbuchkarriere war mit einer selbstzerstörerischen Ader ein Absturz in etwas geworden, dass man kaum noch als Leben bezeichnen konnte – bestenfalls als Existenz. Es war Stillstand auf dem Lebensweg. Ich saß, und dies ist keine Metapher, an der Seite des Lebens und ließ es einfach an mir verrüberziehen. Ich wäre wahnsinnig gerne mitgegangen, mitgelaufen, mitgerannt, aber ich konnte es einfach nicht. Ich hatte sozusagen zwei gebrochene Beine – um wieder ins Metaphorische abzugleiten.

Was behinderte mich so? Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich mich sozial isolierte und immer weiter zurückzog, bis ich von meinen Eltern etwas unsanft, aber immer so nötig aus dieser Starre herausgerissen, herausgeschmissen, wurde. Was folgte waren scheinbar große Schritte. Es wirkte nicht nur auf mich so, als ob ich diese ganzen Probleme, die mich solange gestoppt hatten, ganz weit hinter mir lassen würde. Es ist heute betrachtet für mich immer noch etwas unwirklich was sich im Sommer 2010 alles verändert hat und was ich damals erreicht habe.

Ich wusste aber auch, dass die Fortschritte nur so groß wirkten, weil ich so lange an Stillstand gewöhnt war. Dass Verbesserungen nicht plötzlich eintreten, sondern Zeit und Arbeit brauchen. Dass es auf jedem Weg auch Rückschritte gibt – Lektionen, die nicht einfach zu lernen sind, aber in ihrer Bedeutung nie unterschätzt werden sollte. Und weil ich wusste, dass ein Verbleiben in Deutschland die Gefahr barg, dass die Rückschritte tonangebend wären, bin ich also noch Australien geflohen. In der Hoffnung, aber auch dem Glauben, mein Leben dort ein wenig sortieren zu können und es dort zu schaffen, wieder einen normalen Weg einzuschlagen.

Und für eine Weile funktionierte das auch sehr gut. Natürlich gab es immer wieder Probleme, gab es Umwege, gab es Rückschritte, aber alles in allem sah ich mich auf dem richtigen Weg, war ich der Ansicht, dass es vorwärts ging. Dann fiel mir auf, dass ich die ganzen Metaphern so grausam vermischt hatte, dass ich selber ihnen nicht mehr folgen konnte, und überlegte ernsthaft, abzubrechen und aufzugeben, aber andererseits wusste ich auch, dass dies eine so phänomenale Niederlage sein würde, das es keine ernsthafte Option sei. Ich beschloss also, trotz der Verwirrung in meinem Kopf, in meinem Text, und in meinem Leser, einfach weiterzuschreiben.

Trotzdem, trotz aller Rückschläge, ich hatte immer noch das Gefühl, voran zu kommen. Manchmal mit großen Schritten, manchmal mit kleineren. Und ich dachte, ich sei nicht mehr der Mensch, der es fertiggebracht hatte, vier Jahre lang in Solingen bei seinen Eltern rumzusitzen und darauf zu warten, dass das Leben ihn einholte. Und unter dieser Prämisse bin ich Anfang Oktober nach Melbourne gegangen mit der Zielsetzung, ein etwas normaleres Leben zu führen. Einen richtigen Job zu finden und nicht nur auf einer Farm als Hilfskraft zu arbeiten. Eine eigene Wohnung zu beziehen und nicht nur in Vielbettzimmern in irgendwelchen Hosteln zu schlafen. Echte Freunde zu finden und nicht nur Reisebekanntschaften, die man nach wenigen Tagen, im besten Fall, Wochen, wieder aus den Augen verliert. Alles sehr große Schritte in meiner persönlichen Entwicklung, auf meinem eigenen Weg. Aber Schritte, denen ich mich gewachsen sah.

Oh, welch Naivität, welch Arroganz!

Diese großen Schritte waren viel zu groß, waren überfordernd, waren zu schwer, zu lang, zu anspruchsvoll, zu – was auch immer, man bekommt eine Idee. Ich hatte mich mal wieder gnadenlos selbstüberschätzt. Die Dinge, die mir in Deutschland schon so lange so schwer gefallen waren, waren trotz aller Fortschrite nicht einfacher geworden. Sie waren immer noch unüberwindbare Hindernisse. Die acht Wochen, die ich jetzt hier in Melbourne joblos, wohnungslos, freundlos rumsitze beweisen es. Das Fleisch war willig, doch der Geist war schwach, oder so in der Art.

Es ist das komplette, das ultimative, das scheinbar finale Scheitern. Die Frage, die mich zehn Tage lang geplagt hat, ist berechtigt: Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn ich es jetzt nicht hinkriege, wie kann ich dann darauf hoffen, es jemals hinzubekommen? Vielleicht soll es einfach nicht so sein, vielleicht werde ich bis ans Ende meiner Tage mein Leben nicht selber führen, sondern am Wegesrand stehen und mich danach sehnen, ein paar Schritte weiter zu kommen.

Aber ganz so schnell gebe ich diesmal nicht auf. Wenn die großen Schritte unmöglich sind, muss man eben kleine versuchen. Und wenn selbst die kleinen nicht drin sind, dann eben die ganz kleinen: baby steps.

Unmotiviert, antriebslos, ohne Energie. Selbst einen Kellnerjob zu finden ist zu viel verlangt. Selbst zu bloggen kostet mehr, als ich bezahlen kann. Und trotzdem steht jetzt dieses hier. Warum? Weil ich den kleinsten aller möglichen Schritte gemacht habe, in der Hoffnung, dass er mich auf den richtigen Weg lenken möge. Ab morgen werde ich täglich drei Stunden im Hostel arbeiten und im Gegenzug nicht mehr für die Unterkunft bezahlen müssen. Kein richtiger Job, aber trotzdem ein Fortschritt. Ich werde vormittags dafür da sein, den Leuten den Gepäckaufbewahrungsraum auf- und zuzuschließen, damit sie dort ihre Sachen verstauen bzw. rausholen können. Ich glaube, anspruchsloser geht es nicht. Aber es ist besser als gar nichts. Und vor allem wird es mich zwingen, drei Stunden lang im Kontakt zu anderen Leuten zu sein. Nicht nur mit den anderen Gästen, sondern auch mit den Mitarbeitern an der Rezeption. Es mag nicht viel erscheinen, aber ich setze gerade alle Hoffnung darein. Denn manchmal können auch die ganz kleinen Schritte etwas Großes bewirken. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

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4 Responses to “Baby Steps – Ganz kleine Schritte”

  1. Es hat übrigens ungefähr 45 Minuten gedauert, dies zu schreiben. Und ich habe nebenbei noch drei Partien Solitär gewonnen. Gut zu wissen, dass ich trotz Solitär selbstgesetzte Ziele erreichen kann.

  2. Jonas sagt:

    Viele Dinge im Leben sind selbst-erfüllende Prophezeiungen… Und der Teufel scheißt immer auf den selben Haufen. Um ein paar abgenutzte Phrasen weiter abzunutzen.
    Wenn du dir selber so viel zu trauen würdest wie es deine Freunde tun, wäre dein größtest Problem was du zu der Einladung heute Abend nach der Arbeit anziehen sollst.
    Irgendetwas ist bei dem Brainwashing im Rheingau, was das Selbstbewusstsein ans Maximum getrieben hat, bei dir definitiv falsch gelaufen…
    In dem Sinne, Tschaka du schaffst das

    P.S.: Es könnte schlimmer sein, du könntest Dieter heissen:

  3. Willy sagt:

    Lieber Christoph,
    bei aller Betroffenheit über die Traurigkeit des Inhalts: was für eine Brillanz und Klarheit des sprachlichen Ausdrucks! Du hast viele Talente und nicht nur Defizite, wie der Text uns glauben machen will. Und eins dieser Talente liegt aus meiner Sicht in Deinen schriftstellerischen Qualitäten.
    Wie kann ich Dir helfen, mehr daraus zu machen? Ich würde es sehr gerne tun.
    Mit ganz herzlichen Grüßen
    Willy

  4. christiane.Kirschbaum sagt:

    Ich kann mich Willy nur anschliessen!

    Auch ich hoffe sehr,dass Du eine Deinen Talenten(grossen Talenten!) entsprechende Taetigkeit finden wirst!!

    Und dass Du in Melbourne nun den noetigen Ruck verspuerst!

    Lieben Dank fuer die Kunstpostkarte, ueber die ich mich SEHR gefreut habe!!

    Die Kunst war allerdings diskussionswuerdig!

    Gruss aus Bruxelles

    Deine Christiane

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