Die Wunder der Enthaltsamkeit

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, der weiß, dass ich, bevor ich mich nach Australien aufgemacht habe, einer großen Passion komplett verfallen war. Dass es etwas gab in meinem Leben, was ganz klar an erster Stelle stand (sorry, liebe Freunde und Verwandte) und einen Großteil meiner Zeit und Energie konsumierte. Und dass ich überzeugt davon war, dass diese Leidenschaft – ich möchte fast sagen, diese Liebe – ewig währen würde. Ich spreche natürlich vom Film. Von Filmen. Vom Kino. Von der Macht der in Bildern erzählten Geschichte.

Fünfzig Kinobesuche im Jahr – was soll denn daran nicht normal sein? Intensives Beschäftigen mit allem, was in der Welt des Films, vor allem in Hollywood, so vonstatten geht – das ist doch keine Zeitverschwendung! Das jahrelange Aufbauen einer beeindruckenden Filmsammlung im heimischen DVD-Regal – wieso sollte das denn zum Fenster rausgeschmissenes Geld sein?

Das einzige Problem daran war: wenn man sich so sehr auf die Geschichten anderer Kreativer versteigt, vergisst man ein wenig die eigene. Je spannender andere Leben werden, umso langweiliger das eigene. Und je mehr Zeit man in Fantasiewelten verbringt, umso weniger bleibt für die leider brutal reale Welt “da draußen”. Und diese Welt zu vergessen fiel mir nie leichter als in einem abgedunkelten Kino, allein (ja, das ist tatsächlich vorgekommen) mit einer Erzählung, die zu verfolgen nicht nur interessanter, sondern vor allem einfacher war als die eigene forzuschreiben.

Aber alle guten Dinge müssen einmal ein Ende finden und somit habe ich es irgendwie geschafft, die Obsession ein wenig zurückzuschrauben, ein gesundes Level zu erreichen und sowohl die fiktiven als auch die wirklichen Filme des Lebens zu genießen. Oder so wäre es zumindest schön gewesen. Aber wie bei jeder Droge war es auch hier so, dass nur eine Variante half: kompletter Entzug.

Ich habe es eben nachgesehen. Ich war am 20. August letzten Jahres das letzte Mal im Kino. Seitdem ich am 27. Oktober Deutschland verlassen habe, habe ich keine 20 Filme gesehen. Und das wirklich Überraschende: es hat mir kaum etwas gefehlt. Okay, das stimmt nicht ganz. Eine ganze Oscar-Season zu verpassen, keine Ahnung zu haben, welche Filme wirklich gut sind, keinen Kommentar über die neuesten Meisterwerke von Darren Aronofsky oder den Coen Brüdern abgeben zu können, war schon bitter. Aber in der Aufregung um ein neues Leben in Australien habe ich das, größtenteils, vergessen. Und stattdessen Pläne für nach meiner Rückkehr gemacht, wenn all diese vermeintlichen “must-sees” auf DVD bestaunt werden könnten.

Aber das ist halt doch nicht so ganz das gleiche wie das Erlebnis auf der großen Leinwand. Und somit habe ich gestern etwas gemacht was bei anderen Abhängigen fatal sein könnte: ich bin nach St. Kilda, einen Stadtteil von Melbourne, gefahren und habe im wunderschönen Astor Theatre nicht nur einen, sondern gleich zwei Filme angeguckt. Ein Rückfall? Vielleicht. Aber falls ja war es das wert.

Das Astor Theatre ist eines dieser legendären Kinos, die es eigentlich nirgendwo mehr gibt. 1936 eröffnet ist es immer noch ein einziger Saal und dem Ambiente, Dekor und Flair der guten, alten Zeit. Ich war in vielen Kinos in meinem Leben, aber ich glaube, ich war noch nie in einem schöneren. Und es ist dazu für australische Verhältnisse noch bezahlbar. Denn für die A$15 Eintrittspreis bekommt man ein “Double Feature”, also zwei Filme. Das kombiniert mit zwei Veröffentlichungen des letzten Jahr, die ich gerne sehen wollte, einer großen Sehnsucht nach einem guten Film und natürlich dringend benötigter Ablenkung von der Jobsuche, war zu viel. Ich konnte einfach nicht widerstehen.

Und somit war ich nach mehr als einem Jahr mal wieder im Kino. Und habe Scott Pilgrim vs the World und Kick-Ass gesehen. Beide nicht grandios, aber gut genug, gepaart mit dem wirklich tollen Kino, um Lust auf mehr zu machen. Weswegen ich jetzt noch entschlossener bin, in Melbourne Arbeit zu finden und hier länger zu bleiben. Mindestens bis zum 1. Januar. Denn dann wird Casablanca und The Maltese Falcon gezeigt. Und ganz ehrlich: einen besseren Weg, das neue Jahr einzuläuten, kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen.

Ich hoffe nur, dass ich es bis dahin schaffe, nicht wieder ganz der Leidenschaft zu verfallen.

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