Eine ganz neue Erfahrung

Ein Blog wie dieser kann sehr problematisch sein. Denn grundsätzlich ist es so, dass ich mehr blogge, wenn mein Leben gerade langweilig ist und ich deswegen viel Zeit dafür habe. Sobald es interessant wird, bin ich aber viel zu beschäftigt, um über die aktuellen Ereignisse zu berichten. Das führt dann dazu, dass es endlose Geschichten über langweilige Farmarbeit gibt, aber sehr wenige spannende Reiseberichte. Und eine solch spannende Reise war auch der Grund dafür, dass es hier jetzt schon wieder fast drei Wochen komplett ruhig war. Wenn jemand eine Idee für die Lösung dieses Problems hat, wäre ich sehr froh diese zu hören. Ansonsten vertröste ich wieder auf wahrscheinlich niemals kommende verspätete Berichte und schreibe heute über etwas ganz Anderes. Aber Achtung: dieser Eintrag ist vielleicht der Ehrlichste und Persönlichste, den ich je geschrieben habe. Weiterlesen also ganz auf eigene Gefahr.

Als ich in Bundaberg angekommen bin, habe ich einen festen Plan gefasst. Dort solange zu bleiben, bis ich genug Tage Farmarbeit beisammen habe, um mein Visum um ein Jahr zu verlängern, dadurch auch ein bisschen Geld verdienen und sparen, und einen Job für die Zeit nach der gerade zu Ende gegangenen Reise mit Jan zu suchen. Einen richtigen Job. So einen, den nicht jeder Idiot bekommen kann, sondern wo man qualifiziert für sein muss. Und sich bewerben. Und dabei durchsetzen. Es war ein exzellenter Plan. Und wie alle solche Pläne ist er grandios gescheitert. Ich habe ziemlich genau gar nichts für die Umsetzung dieses letzten Teils des Plans gemacht. Denn je konkreter es wurde, etwas dafür zu tun, umso geringer wurde mein Interesse an diesem Plan. Ein Job, den ich hinterher in meinen Lebenslauf schreiben kann? Klar, wäre gut, aber auch sooo uninteressant. Und vor allem so schwierig zu bekommen. Wenn ich solche Jobs bekommen könnte, wäre ich ja nie hier in Australien gelandet.

Hinzu kam, dass ich mich entschieden hatte, diesen Job in Melbourne zu suchen. Schon bevor ich nach Bundaberg gefahren bin. Denn so schön die ganzen kleinen romantischen Küstenorte und die beeindruckende Landschaft hier auch ist: ich hatte ganz einfach Sehnsucht nach Großstadtleben. Nach einer eigenen Wohnung oder wenigstens einem eigenen WG-Zimmer. Nach Freundschaften, die nicht nach wenigen Tagen wieder enden. Nach Kultur. Nach Möglichkeiten. Und auch nach Leuten, mit denen ich vielleicht etwas mehr gemein habe als mit den meisten Backpackern.

Aber irgendwie wurde diese Sehnsucht immer weniger zwingend. Eher beängstigend. Denn so sehr ich das Leben aus dem Rucksack manchmal verfluche, es ist halt auch relativ einfach. Fehler sind nicht schlimm. Wenn man irgendwo versucht, sich etwas aufzubauen, und sei es auch noch so klein, fällt es zumindest mir deutlich schwerer, mir Fehler zu gestatten. Und mit diesen Gedanken wuchs auch meine Abneigung gegen das Großstadtleben generell und gegen Melbourne im Besonderen. Irgendwie hatte ich auf einmal überhaupt kein Interesse mehr daran, diese Stadt näher kennenzulernen und dort womöglich ein halbes Jahr zu verbringen. Ganz abgesehen davon, dass meine wilden Träumereien vom tollen (und sehr gut bezahlten) Job, den ich da finden würde, mir auf einmal als genau diese bewusst wurden: wilde Träumereien, die in der Realität umzusetzen einfach nicht möglich ist oder zumindest mich überfordern würde.

Und so bin ich völlig unvorbereitet in die Reise mit Jan (Bericht folgt. Vielleicht.) gegangen. Ohne den blassesten Schimmer, wie es danach weiter gehen würde. Und habe mir eingeredet, dass es genauso sein sollte. Dass dies alles Teil des “australischen Abenteuers” sei. Dass diese Spontaneität genau das wäre, was ich gerade bräuchte. Und während der Reise habe ich es auch größtenteils geschafft zu vergessen, wie weit von meinem Plan ich auf einmal wieder entfernt war.

Was uns zum heutigen Tag bringt. Nach einer alles in allem wundervollen Reise (mehr dazu eventuell später) sitze ich jetzt also in Brisbane. Schöne Stadt. Gefällt mir. Und habe beschlossen, hier noch ein paar Tage zu bleiben, auch wenn ich eigentlich nach einem kleinen Missgeschick mit einem Mietwagen (dazu später definitiv mehr, sogar mit Foto(s)) so schnell wie möglich Arbeit suchen müsste. Aber erstmal wollte ich mich und meine Sachen ein wenig sortieren, nachdem Jan letzte Nacht wieder nach Deutschland geflogen ist. Nur sollte man so etwas halt nicht ganz spontan machen. Denn meine Versuche, ein Bett im YHA für die heutige Nacht zu bekommen, scheiterten. Wegen einem Festival ist alles ausgebucht. Und auch in anderen Hostels sieht es nicht gut aus. Und so saß ich heute morgen hier und wusste nicht so recht, was ich tun sollte. Alle Hostels abklappern? Fürs Wochenende irgendwo in die nähere Umgebung fahren? Oder vielleicht doch “einfach” nach Melbourne fliegen?

Ich habe mich dann für Letzteres entscheiden. Was die im Titel erwähnte “ganze neue Erfahrung” ist. Denn ich will gerade nicht nach Melbourne. Ich will nicht nach einem richtigen Job suchen. Ich will mich nicht (schon wieder) meinen Ängsten stellen und Dinge versuchen, die ich mir nicht zutraue. Aber manchmal kann man halt nicht das machen, was man will, sondern muss das machen (oder zumindest versuchen), was richtig ist. Denn mal ganz ehrlich gesagt, so schön diese inzwischen fast 10 Monate (um genau zu sein bin ich heute vor 11 Monaten angekommen) auch waren: meinem Ziel, etwas zu finden, was ich mit meinem Leben machen will, bin ich kein Stück näher gekommen. Und natürlich könnte ich die Suche danach auch noch weiter aufschieben. Aber ich habe jetzt beschlossen, es einfach noch mal zu versuchen. Im schlimmsten Fall scheitert es. Aber zumindest stehe ich dann nicht schlechter da als jetzt. Es ist also Zeit. Wünscht mir Glück, ich kann es gebrauchen.

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