The Ghan

Ich habe die knapp viertausend Fotos, die ich bisher in Australien (und Singapur) gemacht habe, sehr ordentlich sortiert. Nicht einfach nur in Ordnern nach dem Datum, sondern zusammengefasst nach Orten, Zeiten und teilweise den kleinsten Stationen auf der Reise. Die oberste Ordner-Eben trägt Namen wie „Sydney“, „Bundaberg“ oder „Tasmanien“. Und jetzt gibt es auch einen Ordner „Rundreise mit Lotte“. Was signalisiert, wie bedeutend diese Reise ist und wieviele Reiseberichte der so geneigte Leser noch ignorieren kann. Dies ist also der zweite Teil unserer großen Rundreise durch halb Australien.

Dienstag Abend, nach dem Abstecher in Hahndorf, sind wir dann in Adelaide angekommen. Müde, hungrig und in meinem Fall mit einem sehr steifen Knie. 700 Kilometer in einem Hyundai Getz zu fahren sind kein großes Vergnügen.

Ein großes Vergnügen war dann jedoch das ungeplante, aber nicht mehr überraschende Wiedersehen mit Bianca (siehe ungefähr die Hälfte der Einträge zur Zeit in Bundaberg). Wir hatten ein paar Tage vorher E-Mails ausgetauscht und festgestellt, dass wir am nächsten Tag im gleichen Zug sitzen würden. Da war es doch einleuchtend, sich schon in Adelaide zu treffen, was auch noch den netten Nebeneffekt hatte, dass Charlotte und mir bei den letzten Vorbereitungen geholfen wurde. Manche Dinge ändern sich eben doch nie.

Nach einer Nacht und einem Vormittag in Adelaide – eine weitere Stadt, die ich irgendwann noch mal genauer inspizieren muss – sind wir dann also zum Bahnhof gelaufen (schwerer Fehler mit einem kaputten Fuß und 23 Kilo Gepäck auf dem Rücken) und haben den glorreichen, mystischen, fabelhaften, sagenhaften, legendären und ziemlich langweilig aussehenden „The Ghan“ bestiegen. 27 Stunden (Oder doch nur 25? ich weiß es nicht mehr.) bis nach Alice Springs, dann noch mal 23 bis nach Darwin.

Ich habe schon viele Geschichten über diesen Zug gehört, aber irgendwie habe ich da immer zu sehr auf die Details der Luxuskabinen geachtet. Als arme Backpacker bzw. Studenten reicht es natürlich nicht für den „Platinum Service“. Noch nicht mal der goldene ist bezahlbar. Und auch die Schlafkabinen im rudimentären „Red Service“ sind nicht bezahlbar. Also muss ein Sitzplatz herhalten, der zwar immer noch teurer ist als ein Flug (geschätzt, ich habe nicht verglichen), aber wenigstens ein Erlebnis erster Güte bietet. Und natürlich einen tollen Blick aus dem Fenster.

Und so sind wir dann gegen Mittag abgefahren und haben uns auf den langen und beschwerlichen Weg nach Alice (Springs, für die Nichteingeweihten) gemacht. Denn Zugfahren in Australien ist nicht mit Zugfahren in Europa zu vergleichen. Dieser Zug hat eine Höchstgeschwindigkeit von 115km/h – die er praktisch nie erreicht. Ganz gemütlich geht es aus der Millionenstadt hinaus und bald dahinter beginnt dann jede Menge Garnichts. Faszinierende, leere Landschaften. Die aus dem Zugfenster zu fotografieren trotz des Schneckentempos wenig Zweck hat. Aber schön anzuschauen sind sie.

Am frühen Abend erreichen wir dann Port Augusta, die einzige Stadt des Outbacks, die direkt am Meer gelegen ist. Hier dann die Gelegenheit, ein paar Bilder vom Zug und der Lokomotive zu machen. Absolut das Highlight der Stadt, zumindest wenn man sich dort nur dreißig Minuten die Beine vertreten kann.

sam_2816

sam_2809

Die Nacht wird überraschend erholsam. Die Sitze sind bequem, lassen sich weit zurücklehnen und man hat immer viel Beinfreiheit. Charlotte und ich haben auch noch großes Glück und sitzen im Wagen ganz vorne – was noch mehr Beinfreiheit bedeutet und sogar Platz zum Abstellen der Essenstasche. Die großen Rucksäcke musste man zum Glück aufgeben – dafür wäre in dem Wagen kein Platz.

Die nächtlichen Stopps überschlafen wir alle. Der Zug hält dreimal zwischen Adelaide und Alice, aber auf Wunsch sind auch noch weitere Stopps in den Dörfern, durch die er fährt, möglich. Für die Leute dort die beste Möglichkeit, dort wegzukommen. Das alles ist aber nur manchmal nach vorheriger Anmeldung möglich. Denn der Zug wartet auf niemanden. Außer natürlich auf die entgegenkommenden Güterzüge, die (fast) immer Vorfahrt habe. Die Bahnstrecke ist eingleisig, nur an wenigen Stellen kommen zwei Züge aneinander vorbei. Da kann es schon mal sein, dass man eine halbe Stunde auf einen anderen Zug mitten im Nirgendwo wartet. Aber man wird ja entschädigt, denn sobald es etwas Interessantes aus dem Fenster zu sehen gibt (einen ausnahmsweise nicht trockenen Fluß, ein Denkmal für die 1.000.000 Schwelle der Strecke), werden vorher drei Durchsagen gemacht und der Zug fährt im Schritttempo vorbei. Nur in der Dunkelheit wohl nicht. Und die bestimmt leider den Großteil der Fahrt.

Denn als ich am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang aufwache, sind wir schon mitten im Outback, mitten in dieser gigantischen Wüste, die so vielen Entdeckern zum Verhängnis geworden ist und die selber zu durchqueren (mit einem Allrad-Auto, natürlich) auch heute noch gefährlich ist. Und auch wenn der Sonnenaufgang spektakulär ist: so ganz versöhnt es einen nicht damit, dass man so viel verpasst hat. Und das Outback wird irgendwie nach einer Stunde auch eher langweilig.

Diese Fahrt war mein großer Wunsch. Meine Schwester macht sie gerne mit, aber sie wäre auch geflogen. Aber ich wollte unbedingt mit diesem Zug fahren, noch lieber als mit dem Indian-Pacific (Sydney-Perth). Und jetzt bin ich eher gelangweilt und enttäuscht. Dies ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Dies ist nicht wie der legendäre Oriert-Express. Auch wenn der Zug nach den Afghanischen Kameltreibern benannt ist, die das Outback zuerst bewohnbar (für Einwanderer, die Aborigines konnten das auch vorher schon) gemacht haben, so will sich doch dieser Pioniergeist nicht so recht einstellen. Ich bin sehr froh, als wir Alice Springs erreichen und den Zug verlassen können.

Nur vier Tage später sitzen wir wieder im Zug. Jetzt auf dem Weg nach Darwin. Diesmal haben wir kein Glück mit den Plätzen. Vielmehr sind die Wagen anders aufgebaut und die große Beinfreiheit ist nicht vorhanden. Stattdessen fühle ich mich fast eingepfercht und bin froh, mir den Luxus des Lounge-Cars zu gönnen, das für 10 Dollar mehr Steckdosen, Tee und ganz viel Platz und Ruhe bietet. Die habe ich auch nötig nach den letzten drei Tagen. Aber was die so gebracht haben und warum sie so anstrengend, aber auch spannend und schön waren, nun, das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Beziehungsweise für den dritten Teil des „Rundreiseberichts“.

Tags: , , , , , , , , , , , ,

2 Responses to “The Ghan”

  1. Cousin Philip sagt:

    Hi Cousin Christoph,
    bin (bis) gestern auch mit dem Zug gefahren. Muss Euch leider toppen: 51Std, 4200km, 5200m höchster Punkt. Sitze jetzt in Lhasa und geniesse das Panorama.
    Euch noch viel Spass und lasst es Euch gutgehen.
    Grüsse Philip

  2. Lieber Cousin Philip,
    was nur wieder beweist, wie langsam die australischen Züge sind. Der Ghan braucht für die nur 3.000 Kilometer von Adelaide bis nach Darwin 54 Stunden…
    Bist Du für BMW in Lhasa? ;-)
    Viele Grüße,
    Cousine Lotte und Cousin Christoph

Leave a Reply