Die Große Langeweile

Ich bin am 16. November in Bundaberg angekommen. Das ist morgen elf Wochen her. Die Entscheidung, hier her zu kommen, war sehr spontan. Die hier zu bleiben, habe ich nie getroffen. Das ist einfach so passiert.

Am Anfang war es ja noch ganz interessant hier. Farmarbeit war neu, war spannend, war ungewohnt. Aber nach mehr als zwei Monaten und einem Dutzend Arbeitgeber, nach 55 Arbeitstagen (33 fehlen noch für das zweite Visum) ist es dann doch alles irgendwie Routine geworden.

Und Spaß hat es nicht gerade gemacht. Aber dieses todlangweilige Bundaberg, dieses heruntergekommene Hostel, die Gemeinschaft der verrückten Backpacker – dies alles ist in der langen, viel zu langen, Zeit hier eine Art Zuhause geworden. Und so habe ich mich halt eingerichtet im gemütlichen Elend, habe die Arbeit gemacht, sonstige Pflichten erledigt, bin jeden Samstag Abend brav weggegangen und habe mich betrunken und habe alles sonst gemacht, um zu verdrängen, dass ich das alles genauso gut auch hätte in Deutschland machen können, dass ich von Australien so gar nichts sehe.

Und gleichzeitig habe ich jede Woche davon gesprochen, dass ich am nächsten Donnerstag abreise, dass es mir reicht mit der blöden Arbeit, mit den blöden Leuten, mit dem schmutzigen Hostel. Aber ich bin immer geblieben, auch weil ich nicht wusste, wohin ich als nächstes fahren sollte. Und Entscheidungen ja bekanntermaßen nicht gerade meine Stärke sind.

Ich bin sogar so weit gegangen, eine Umfrage auf dieser Seite hier zu veröffentlichen, um mir Hilfe zu holen – denn eigentlich interessiert mich fast jede Ecke von Australien. Deswegen habe ich auch nur Norden, Süden, Osten und Westen als Auswahlmöglichkeiten angegeben, mit der festen Absicht, gen Norden zu fahren und den Hochsommer in den Tropen zu verbringen. Port Douglas, Cape Tribulation, das klingt doch alles sehr gut.

Aber nein, ich bin hier geblieben. In Bundaberg. Und habe weiter gearbeitet. Klar, es hatte gute Gründe – Geld und Visum – aber es war trotzdem eine Entscheidung gegen alle Entscheidungen. Und was ich anfangs nur im Scherz gesagt hatte – dass ich das ganze Jahr hierbleiben würde – schien auf einmal bittere Wirklichkeit zu werden. Verständlicherweise hat das meine Laune nicht gerade gehoben.

Währenddessen sind immer mehr der Leute, an die ich mich gewöhnt hatte, abgereist. Und stattdessen sind neue Leute ins Hostel gekommen und nach dem anfänglichen Interesse daran, immer mal wieder neue Leute kennenzulernen, habe ich genau dazu schon seit Wochen keine Lust mehr. Und somit fühlte ich mich immer mehr wie ein Fremder in meinem eigenen „Zuhause“. Ich kenne das schon ein bisschen vom letzten Sommer, aber nicht so extrem. Bis auf die drei Mädels aus meinem Zimmer und zwei Arbeitskollegen waren eigentlich alle schon weg – und die beiden alten Gefährten von Ford würden diese Woche auch fahren.

Und dann ist gestern zu allem Überfluss ein Neuer in unsere Unit, in unsere „happy little family“, um Kim zu zitieren, eingezogen. Und ich war einfach nur noch genervt. Er ist bestimmt ein ganz netter Kerl, aber es hat mich sehr abrupt aus den Gedanken, dass es ja eigentlich eine Art Zuhause sei, gerissen. Plötzlich wurde mir die temporäre Natur des ganzen Arrangements völlig klar. Und somit beschloss ich zum ungefähr tausendsten Mal, ganz bald abzureisen.

Heute hätte ich eigentlich arbeiten sollen – ein letztes Mal bei meiner Stammfarm, die ich doch vermissen werde, nach anfänglichen Zweifeln – aber im letzten Moment wurde dieses abgesagt. Und somit war ich um sechs Uhr morgens hellwach und von der Absicht besessen, diesen Tag mal nicht zu vergeuden, sondern konstruktiv zu nutzen.

Zehn Stunden später habe ich im Hostel Bescheid gegeben, dass ich am 10. Februar abreisen werde. Joe, der nette Manager (über den ich meine Meinung auch wieder etwas revidiert habe), meinte, dies sei sehr schade, aber so sei es halt in diesem Geschäft. Ich habe ihm nicht widersprochen. Stattdessen habe ich mir ein WWOOFing-Buch (Google hilft…) besorgt, eine Zugfahrt am 10. nach Brisbane gebucht, ein Hostel dort für fünf Tage und dann einen Flug für den 15. Wohin? Nach Tasmanien. Da ist es nämlich nicht so verdammt warm, da fährt nicht jeder Backpacker hin, da soll es sehr schön sein und vor allem ist es nicht auf dem australischen Kontinent – und damit ist es diesmal wirklich ganz alleine meine Entscheidung. Und wer jetzt sagt, ich hätte vielleicht vorher mal in einen Reiseführer oder ähnliches schauen sollen, hat Recht. Diese waren aber in der Bibliothek alle ausgeliehen und somit hatte ich keine Wahl als mich blind ins Abenteuer zu stürzen. Was ja eigentlich auch genau das ist, was ich wollte.

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7 Responses to “Die Große Langeweile”

  1. Sebastian sagt:

    Sehr gut!!

    Move your Ass ;-)

  2. Niklas sagt:

    Herzlichen Glückwunsch!

    Das klingt nach Abenteuer und ist nach Deiner Zeit in Bundaberg jetzt genau das richtige!

  3. Tine sagt:

    Klingt nach einer guten Entscheidung. Außerdem sind (zumindest hier in den Medien) fürchterliche Stürme mit erneuten sintflutartigen Regenfällen für Queensland angekündigt – also nichts wie weg.

  4. J. G. aus B. am R. in B. sagt:

    Eine Luftveränderung ist mit Sicherheit nie eine schlechte Idee, zumal wenn man sich so unwohl fühlt, wie Du es beschreibst. Insofern: Go go go!

    Viele Grüße aus BT

  5. Sebastian sagt:

    Mach mal bitte Meldung!

  6. Pücki sagt:

    Super, Christoph, ich bitte um Fotos von Schnabeltier und Ameisenigel!
    Das Biologinnenherz schlägt höher, wenn man von solchen Gegenden liest:

    Liebe Grüße und eine anregende Zeit
    P.

  7. Ganz kurz: Wirbelsturm war so weit nördlich von mir, dass wir noch nicht mal einen Windhauch abbekommen haben. Ansonsten anstrengende Tage. Bald mehr.

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