Bibelgeschichten

Einen Tag nach dem Ian mir auf dem Weg zur Arbeit die Prophezeiung aus dem Buch Daniel, Kapitel 2 erklärt hat (siehe hier), hat er uns wieder zur Arbeit gefahren und ich durfte wieder bei ihm vorne sitzen, ihm den Weg zeigen und weiteren Geschichten lauschen. Und auch wenn es nicht ganz so informativ war wie am ersten Tag, habe ich doch weiterhin wahnsinnig viel gelernt.

Am zweiten Tag hat Ian mir dann etwas mehr über das kommende Reich Gottes erzählt. Das ist das, was kommt, wenn die Welt wie wir sie kennen endet, und nur noch die Guten weiterleben dürfen. Oder so etwas in der Art. Ganz blicke ich da nicht durch. Jedenfalls wird das Kommen dieses Reiches dadurch angekündigt, dass der Antichrist auf Erden wandelt und an Einfluss gewinnt. Sozusagen die Katastrophe als Zeichen für die Erlösung. Irgendwie ist damit verbunden auch die Zahl 666, die gerne von Satanisten für sich reklamiert wird, obwohl sie mit dem Teufel gar nichts zu tun hat. Und diese Zahl ist ganz besonders wichtig, weil sie ein erstes Indiz dafür ist, wer bzw. was dieser gefürchtete Antichrist denn ist. In römischen Zahlen ist 666 nämlich VI VI VI – Theologen haben vielleicht schon eine Idee, worauf dies hinausführt.

Für alle anderen noch ein kurzer Ausflug in alte Zeiten, als ein guter Mann namens Noah 120 Jahre Zeit hatte, die Menschheit vor dem Sündenfall zu warnen und vor der Zerstörung zu retten. Er tat dies mit großem Eifer, aber Gott war trotzdem nicht zufrieden und somit hat er die ganze Sünde lieber durch eine Sintflut weggeschwemmt. Das Wetter in Australien bzw. Bundaberg gerade deutet daraufhin, dass so etwas bald wieder passiert. Noah hat dann irgendwie zwei reine und sieben unreine Tiere mit auf sein Schiffchen – auch Arche genannt – genommen, aber das habe ich nicht so ganz verstanden (ich dachte immer, es wären einfach zwei Tiere aller Arten gewesen) und Ian meinte auch, das sei eine recht komplizierte andere Geschichte und erwähnte nur noch, dass man laut der Bibel kein Schwein essen dürfte. Arme Gläubige.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte die Erzählung etwas an Kohärenz verloren, von Sinn ganz zu schweigen. Deswegen wandten wir uns den zehn Geboten zu, deren Befolgung zwingend notwendig dafür ist, dass man ins Reich Gottes kommen kann. Ian zählte mir hier alle neun Gebote auf und wies dann daraufhin, dass eigentlich alle geachtet werden, nur eines nicht: den Sabbat zu respektieren. Und dies sei die Schuld der katholischen Kirche, die als erste damit angefangen hat, die Leute am heidnischen Sonntag in die Kirche zu schicken, statt den Sabbat zu achten, der ja, gemäß jüdischer Tradition, bei Sonnenuntergang am Freitagabend beginnt. Und mit dieser Maßnahme, der sich fast alle christlichen Kirchen angeschlossen haben, outen sich der Papst und die römisch-katholische Kirche dann auch als das, was sie wirklich sind: das Übel alles Bösen, das Zeichen zur Einleitung des Weltenendes, der Antichrist höchstpersönlich. Ich habe ja schon immer gewusst, dass die katholische Kirche etwas dubios ist, aber sie als das ultimativ Böse hinzustellen – bloß weil sie Gottesdienste am Sonntag abhält – nun, so weit wäre ich nicht gegangen.

Übrigens hatte Ian zu diesem Zeitpunkt noch Zweifel an meinen Englischkenntnissen, und er sah sich genötigt, mir zu erklären, was Zeichen, also „signs“ seien. Er hat es mit Hilfe von Straßenschildern versucht. Ich kriege den genauen Wortlaut nicht mehr zusammen, aber es war definitiv sehr unterhaltsam…

Und was hat das jetzt mit 666 zu tun? Nun, das Vi Vi Vi steht auf der schicken Kappe des Papstes. Es ist eine Abkürzung für irgendetwas tief religiöses und lateinisches, aber um mich daran zu erinnern, fehlt mir dann doch etwas das Gedächtnis. Aber wer Ians Theorien genauer verfolgen will, findet bei Google bestimmt Antwort.

Samstag durfte ich leider keine weiteren Geschichten hören, sondern musste selber fahren. Meine Trauer kannte keine Grenzen. Überhaupt habe ich die letzten Tage immer selber fahren müssen. Das ist zum Einen sehr gut, weil wir nicht mehr ewig nach der Arbeit aufs Abholen warten müssen, aber andererseits auch sehr schade, weil ich keine weiteren amüsanten Bibelgeschichten zu hören kriege. Dafür müsste ich wohl mal Freitag abends zu Ian gehen, denn dieser feiert den Sabbat immer mit ein paar Leuten – genauer gesagt Asiaten – und dem Singen christlicher Lieder, einer Bibellesung, anschließender Diskussion und ganz viel Essen. Und ich habe dazu jetzt eine stehende Einladung. Letzten Freitag habe ich es aber leider nicht dorthin geschafft. Ich glaube, ich war anderweitig beschäftigt, aber ich weiß es nicht mehr sicher. Vielleicht hatte ich auch einfach keine Lust. Aber vielleicht gehe ich diesen Freitag, so es stattfindet. Denn meine eigentlichen Pläne für den Abend sind aufgrund des Datums leider ins Wasser gefallen. Den Schildkröten beim Brüten zuzusehen ist also auf einen anderen Tag verschoben. Jetzt wissen Lisa, Bianca und ich allerdings nicht, was wir am Heiligabend machen sollen. Denn irgendwie sind fast alle netten Leute inzwischen abgereist und der Wetterbericht ist auch grauenvoll. Werden wir also einfach traurig im Hostel sitzen und uns nach Deutschland sehnen? Oder finden wir noch eine Alternative? Ich baue voll auf Lisa, die vor Tatendrang nur so sprüht. Auf jeden Fall gibt es ein paar perfekt gelungene (im dritten Anlauf…) Weihnachtsplätzchen, die die Putzfrau des Hostels schon dazu verleiteten, mich zu fragen, ob ich Koch sei…

Aber noch einmal zurück zu Ian. Denn dieser mag mich. Hält mich für intelligent, zuverlässig, kompetent – völlig gerechtfertigt, natürlich. Und er glaubt, dass ich ihn auch mag. Tue ich aber ganz und gar nicht, auch wenn ich immer freundlich bin und mir nichts anmerken lasse. Denn wenn ich eines bisher in Australien gelernt habe, dann ist es, dass ich ein erschreckendes Talent dafür habe, Leute zu manipulieren und das zu bekommen, was ich will. Bei Ian funktioniert das aber nicht so richtig. Nicht, weil er schwer zu manipulieren wäre, sondern weil er einfach ein Egoist ist. Es gibt viele schöne Schimpfwörter im Deutschen wie im Englischen und alle wären passend für ihn. Er kümmert sich einfach einen Dreck um die Leute, die ihn immerhin für seine Arbeit bezahlen. Bestes Beispiel: Sonntag sind wir um fünf abfahrbereit gewesen, da wir damit gerechnet haben, um sechs anzufangen. Dann hat Ian uns gesagt – Joe hat am Wochenende frei, deswegen ist er alleinverantwortlich und sorgt jedesmal für Chaos – dass der Farmer gerade angerufen hätte und gegen sieben noch mal anrufen würde, wann wir anfangen. Ich war um halb sechs gerade wieder eingeschlafen, als es hieß, wir würden doch direkt anfangen und wir müssten jetzt los. Um viertel nach sechs waren wir bei der Arbeit, aber es ging erst um sieben los. Und von den Leuten aus dem anderen Hostel haben wir erfahren, dass der erste Anruf des Farmers, mit dem Hinweis er würde anrufen, wann es losgeht, nicht an dem Morgen, sondern noch am Abend vorher gekommen war. Ian war nur zu faul, noch mal die drei Minuten ins Hostel zu fahren, um uns dies mitzuteilen. Und ich Idiot habe ihm auch noch gesagt, er müsse sich nicht entschuldigen, es sei ja nicht sein Fehler, wenn der Farmer so ein Hin und Her macht! Spätestens seit diesem Tag teile ich den tiefen Hass, den der Großteil des Hostels für ihn empfindet. Aber er glaubt immer noch, dass ich ihn mag…

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One Response to “Bibelgeschichten”

  1. Jonas sagt:

    “Denn wenn ich eines bisher in Australien gelernt habe, dann ist es, dass ich ein erschreckendes Talent dafür habe, Leute zu manipulieren und das zu bekommen, was ich will.” Bester Satz in deinem Blog bisher :D

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