Bibelprophezeiungen

Als ich heute morgen um fünf vor fünf zur Abfahrt bereitstand, war die erste Frage die mir gestellt wurde, noch vor dem obligatorischen “Guten Morgen” ob ich einen Führerschein hätte. Nachdem ich dies bejaht hatte, wurde dann von Ian die frohe Botschaft verkündet, dass wir ab morgen einen Van vom Hostel bekommen würden, um zur Arbeit zu fahren. Ich sollte heute vorne neben ihm im Bus sitzen und ihm dem Weg sagen, um zu beweisen, dass ich auch morgen zur Arbeit finden würde.

Alles kein Problem, dachte ich mir, wofür habe ich denn die letzten Tage immer schön aufgepasst, wo wir lang gefahren sind – wenn ich nicht gerade noch ein bisschen Schlaf nachgeholt habe. Allerdings musste ich mich neben der Routenfindung während der Fahrt auch noch mit Ian unterhalten, was dann doch etwas schwierig war. Im Nachhinein muss ich allerdings sagen, dass mich meine diplomatischen Fähigkeiten nach vier Stunden Schlaf um kurz nach fünf Uhr morgens doch beeindrucken. Hier nun eine kurze Niederschrift der Unterhaltung zwischen dem Schotten Ian und dem Deutschen Christoph, auf Englisch. Diejenigen die der Sprache nicht mächtig sind, mögen mir verzeihen, aber manche Dinge sind im Original einfach besser.

Ian: So, where in Germany are you from?

Christoph: Western Germany, near Cologne.

I: Cologne, eh? Bloody dirty place.

C: I like it. Have you ever been there.

I: No.

I: So, how is Adolf doing.

C: He’s dead.

I: Are you sure.

C: Yes. Even if he didn’t die at the end of the Second World War, he’d be dead by now. He’d be someting like 120.

I: A very intelligent man.

C: He was certainly very ambitious.

I: So what do you think why he lost the war.

C: He was a bit too ambitious. And a bit too crazy.

I: Nonsense. You want to know why he lost the war?

C: Sure.

Was folgte, war eine ungefähr dreizig minütige Lektion über eine Prophezeiung aus der Bibel. Es fing alles mit dem babylonischen König Nebukadnezar an, der einen komischen Traum hatte, in dem eine riesige Statue mit einem goldenen Kopf, einer silbernen Brust, einem bronzenen Bauch, eisernen Beinen und Füßen aus Eisen und Ton, von einem Meteor zerstört wurde. Am nächsten Morgen fragte Nebukadnezar dann seine Wahrsager, Traumdeuter und Astrologen, was der Traum zu bedeuten habe. Allerdings hatte er den Inhalt wieder vergessen, was diese doch vor einige Probleme stellte. Also wollte er sie alle umbringen lassen, doch da ergriff der hebräische Sklave Daniel, der faszinierenderweise 1500 Jahre vor Christi Geburt schon ein Christ war, das Wort und versprach ihm eine Erklärung. Also betete er und der Traum wurde ihm von Gott erläutert, was er dann so an den König weitergab: der goldene Kopf sei ein Symbol für sein Weltreich, das beste, das es jemals geben würde. Daraufhin würde dann ein silbernes folgen, dann ein bronzenes, und so weiter.

Der König konnte das nicht glauben, da Babylon doch uneinnehmbar sei, mit seinen 60 Meter hohen Mauern, und sein Reich deswegen niemals fallen würde. Doch es dauerte nicht lange bis die Perser den Euphrat, der Babylon in der Mitte teilte, umleiteten und dadurch über das trockene Flußbett die Stadt erobern konnten. Und damit dann das silberne Weltreich begründeten.

Im nächsten Schritt wurde dann das Millionenheer der Perser von 20.000 Griechen unter Führung des “größten Strategen aller Zeiten” Alexander dem Großen, besiegt. Somit wurde das bronzene Imperium begründet, das Alexander bis nach Indien erstreckte. Dort wurde er dann zum Alkoholiker und starb vom vielen Trinken, so dass sein Reich zerbrach und die Römer das nächste aufbauen konnten, das Eiserne.

Doch die Römer wurden von den germanischen Stämmen, zehn an der Zahl, darunter die Franken, Sachsen und Allemanen, besiegt und ihr Reich scheiterte ebenso. Und diese zehn Stämme sind die Grundlage für die westeuropäischen Nationen, die jetzt wie die zehn Zehen aus Eisen und Ton, was sich nun mal einfach nicht verbinden lässt, vergeblich versuchen, ein Weltreich zu schmieden. Napoleon hat es versucht und scheiterte, Kaiser Wilhelm ebenso, und schließlich kam Hitler. Laut Ian hatte dieser Russland schon besiegt und ganz Europa war ihm untertan, als seine Invasionsflotte nach Großbritanien drei Tage vom Nebel aufgehalten wurde, was den Amerikaner Zeit gab, den Engländern zu Hilfe zu eilen, weswegen Hitler den Krieg verlor.

Das alles hat zwar wenig mit Tatsachen zu tun,  aber es war prophezeit und ist deswegen auch so eingetreten. Und die zehn Stämme versuchen immer noch zusammen die Welt zu regieren, aber das wird nie klappen, weswegen die europäische Union auch zum Scheitern verurteilt ist. Wie es schon vor 2500 Jahren in der Bibel niedergeschrieben wurde. Aber das Beste kommt noch: denn der Komet, der die Statue zerschlagen wird, ist die Rückkehr von Jesus zur Erde, der dann ein Königreich der Güte auf Erden errichten wird, das ewigen Bestand haben wird. Und da ja jetzt das letzte der alten Imperien gescheitert ist, wird dies ganz bald der Fall sein, wir können uns also auf große Veränderungen einstellen.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir fast da und ich hatte den Eindruck, es sei mal an der Zeit, etwas mehr am Gespräch teilzunehmen als nur immer wieder “Yes” zu sagen und zu nicken. Ich fragte Ian also, ob dieses neue Königreich etwas mit der “rapture” (sorry, auch mit Leos Hilfe weiß ich nicht, wie das im Deutschen heißt) und dem Ende der Welt und der Sortierung der Menschen in gute und schlechte zu tun habe. Er verneinte das, war aber beeindruckt, dass ich diese Sache kannte und kündigte deswegen an, dass er mir bei der nächsten Fahrt von einer anderen Prophezeiung, nämlich der über den Antichrist, das Biest und die Zahl 666, erzählen würde. Meine hoffnungsfrohe Frage, ob er das denn auf der Rückfahrt machen könnte, verneinte er aber, da ein anderer Fahrer uns holen würde.

Und seitdem ärgere ich mich tierisch, dass ich so viel Interesse geheuchelt habe. Denn seit eben weiß ich, dass wir morgen nicht selber fahren werden, sondern Ian uns wieder fahren wird. Und dann darf ich mir noch mehr Bibelgeschichten anhören. Was ja gar nicht so schlimm wäre – unterhaltsam war der Unsinn ja – wenn es eben nicht bedeuten würde, dass wir morgen wieder mindestens eine Stunde mit Warten zubringen werden. Morgens eine halbe Stunde weil wir schon so früh gefahren werden, damit der Bus rechtzeitig für die nächste Tour zurück ist, und nachmittags noch mal 45 Minuten, bis uns jemand holen kommt. Und genau das wollte ich ja eigentlich vermeiden. Aber ich fürchte, ich habe mich und meine Kollegen (inzwischen mit 18 verschiedenen Gesichtern) so richtig in die Scheiße reingeritten. Da gerät der anstrengende Arbeitstag fast ganz in Vergessenheit.

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5 Responses to “Bibelprophezeiungen”

  1. Tine sagt:

    Für jemanden der ohne Gedächtnis geboren ist finde ich es eine phänomenale Leistung im Halbschlaf mit Konzentration auf einen weitestgehend fremden, aber zu erkennenden Weg, diese Geschichte nicht nur aufzunehmen und zu behalten sondern auch noch nach Stunden harter Arbeit so wunderbar wieder zu geben! Hochachtung! Aber warum darfst Du denn jetzt morgen doch nicht selber fahren, wirklich nur wegen der Fortsetzung???

  2. No sagt:

    Bitte fahr weiter mit Ian zur Arbeit. Die Geschichte ist so amüsant, da möchte ich mehr von hören :-)
    Der gute Mann hat nicht zufällig auch nen Blog, oder?

    Und meinen großen Respekt, dass du nicht schon mittendrin laut zu lachen angefangen hast :-)

  3. Sebastian sagt:

    Disclaimer:

    Auch wenn ich nicht jeden Post kommentiere, so lese ich ich sie doch alle :-)

    dieser hat mir wieder ganz besonders gefallen! Und ich bin schon SEHR gespannt darauf, wie es mit der Welt so weitergeht! ;-)

  4. Charlotte sagt:

    Da fällt mir ein: ich hab dir ja noch garnicht erzäht, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Hätte ich doch bloß früher von dieser Prophezeiung gehört, dann hätte ich mir das vielleicht noch mal überlegt. Endlich mal etwas, dass mir die Welt verständlich macht!

  5. Ich glaube, dass ich noch öfter von Ian zur Arbeit gefahren werde. Deswegen sammle ich die Geschichten jetzt auch erstmal und werde sie dann alle gemeinsam veröffentlichen. Ein bisschen Geduld ist also notwendig.
    Übrigens hat diese Maßnahme nicht das Geringste damit zu tun, dass mir die Finger so weh tun, dass jeder getippte Satz große Schmerzen verursacht und ich deswegen diese erstmal etwas entspannen möchte.

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